Epidemiologie der Nahrungsmittelallergie in Europa
Die Schwierigkeiten, die sich bei der Diagnosestellung einer Nahrungsmittelallergie ergeben, beeinflussen auch die Validität der epidemiologischen Daten. Diese basieren meist auf Angaben in Fragebögen oder Ergebnissen von Allergietests.
Daher schwanken die Angaben zur Häufigkeit von Unverträglichkeitsreaktionen auf Lebensmittel in bevölkerungsbezogenen Studien zwischen einer Punktprävalenz von 3,2% in Frankreich bis hin zu einer Lebenszeitprävalenz von 35% in Berlin. Frauen geben häufiger als Männer an, unter Unverträglichkeitsreaktionen auf Lebensmittel zu leiden. Im Folgenden wird ein Überblick zur epidemiologischen Situation in Europa gegeben.
Unverträglichkeitsreaktionen auf Lebensmittel sind in der Allgemeinbevölkerung häufig. Ihnen können unterschiedliche Pathomechanismen zugrunde liegen und sie können sich auf verschiedene Weise an wiederum verschiedenen Erfolgsorganen manifestieren. Von toxischen Reaktionen sind nichttoxische Überempfindlichkeitsreaktionen („food hypersensitivity“) abzugrenzen. Letztere werden in die immunologisch vermittelte Nahrungsmittelallergie („food allergy“) und die nicht durch das Immunsystem vermittelte Nahrungsmittelintoleranz („non allergic food hypersensitivity“) unterteilt.
Darüber hinaus kann zunächst auch nicht mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass ein angeschuldigtes Lebensmittel tatsächlich ursächlich für die beobachteten Symptome ist. Diese Umstände erschweren es, aussagekräftige bevölkerungsbezogene Daten zur Nahrungsmittelallergie zu gewinnen, da hierfür nur einfache standardisierte und robuste Erhebungstechniken in Frage kommen. Eine individuelle Anamnese ist in bevölkerungsbezogenen Studien ebenso eine Ausnahme wie die Durchführung oraler Provokationstests.
Am häufigsten finden sich Studien, die auf Eigenangaben – meist in standardisierten Fragebögen – basieren. Berücksichtigt man das oben Gesagte, überrascht es nicht, dass deren Ergebnisse häufig zu einer deutlichen Überschätzung der tatsächlichen Frequenz führen. In Ergänzung zu den Fragebogendaten wurden in einigen epidemiologischen Studien Tests zum Nachweis einer allergischen, IgE-vermittelten Sensibilisierung (Hauttest, spezifisches IgE) durchgeführt. Aus methodischer Sicht sei ergänzend angemerkt, dass die epidemiologischen Einzelstudien nur schwer vergleichbar sind, weil für unterschiedliche Kollektive (Alter, Geschlecht, Selektion) mit unterschiedlichen Methoden (Fragen nach Symptomen oder Arztdiagnosen etc.), unterschiedliche Maßzahlen der Häufigkeit (Prävalenz, Inzidenz) erhoben wurden. Als Goldstandard für den Nachweis einer Nahrungsmittelallergie gilt der doppelblind und placebokontrolliert durchgeführte orale Provokationstest (DBPCFC), der mittlerweile auch in einigen bevölkerungsbezogenen epidemiologischen Studien zur Anwendung kam.
Korrespondierender Autor: Torsten Schäfer MPH (torsten.schaefer@uk-sh.de)
Diesen Artikel finden Sie in Ernährung – Wissenschaft und Praxis 01/2008 auf Seite 4 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
