Editorial: Wer ist dick in Deutschland?
Am 30. Januar war es so weit: Bundesminister Horst Seehofer präsentierte auf einer Pressekonferenz in Berlin die ersten Ergebnisse der Nationalen Verzehrsstudie II (NVS II). Dass die Mehrzahl der Erwachsenen in Deutschland übergewichtig ist, überrascht allerdings nicht.
Dank der NVS II, die 2002 vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Auftrag gegeben wurde, liegen nun aber erstmals repräsentative Zahlen zu Übergewicht und Adipositas in der deutsch sprechenden, in Privathaushalten lebenden Bevölkerung vor. Darüber hinaus liefert die Erhebung vielfältige sozioökonomische Daten sowie solche zum Ernährungsverhalten und -wissen. Ausgewählte Ergebnisse finden Sie in der Rubrik „Für Sie gelesen“ ab S. 77.
Zwar werden erst im April die Daten zu Lebensmittelverzehr und Nährstoffzufuhr verfügbar sein und damit eine Beurteilung der Ernährungssituation ermöglichen, aber schon die jetzt vorgestellten Ergebnisse machen deutlich, so Seehofer, dass etwas geschehen muss. Dabei setzt er nicht auf Verbote, sondern vielmehr auf Information und Aufklärung sowie Prävention. Mit dem „Nationalen Aktionsplan Ernährung und Bewegung“, der ein gemeinsames Projekt von Bund, Ländern und Kommunen sein wird, will Seehofer reagieren.
Unter anderem zeigt die Auswertung der NVS II, dass zwischen Bildungsniveau sowie Einkommen einerseits und Body Mass Index (BMI) andererseits eine Beziehung besteht: Je höher bei Männern und Frauen der Bildungsabschluss und das Pro-Kopf-Nettoeinkommen sind, desto geringer ist der BMI. Mit der Frage, wie sich soziale Ungleichheiten auf den Ernährungs- und Gesundheitsstatus auswirken, befassen sich auch die weiteren Beiträge der aktuellen „Ernährung – Wissenschaft und Praxis“.
So beschreibt Sonja Schuch in der Übersicht ab S. 52, wie soziale Ungleichheiten die Gesundheit beeinflussen. Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey hat gezeigt, dass Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus häufiger übergewichtig und/oder adipös sind als solche aus Familien mit mittlerem und hohem.
Das bestätigt sich in einer Untersuchung zu Ernährungsweise und -zustand von Grundschulkindern in Nürnberg, in der darüber hinaus zahlreiche weitere Unterschiede beobachtet wurden (S. 58 ff.). Die Autorinnen fordern daher für Kinder und Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status stärkere Unterstützung, damit diese eine gesunde Lebensweise in den Alltag integrieren können.
Die Notwendigkeit, Kindern und Jugendlichen einen gesunden Lebensstil zu vermitteln, betont auch Ines Heindl. Lesen Sie dazu auf S. 68 das Interview.
Die erste deutsche Tafel wurde 1993 in Berlin gegründet. Heute gibt es in fast allen Großstädten und vielen mittleren und kleinen Städten Ausgabestellen – dies zeigt, dass immer mehr Menschen in Deutschland armutsgefährdet sind. Die Tafeln versorgen regelmäßig über 700.000 Menschen mit Lebensmitteln (S. 70 ff.). Mit Konstantin von Normann sprachen wir über die Tafeln und Maßnahmen zur Bekämpfung und Prävention von Ernährungsarmut.
Außerdem finden Sie in dieser Ausgabe der „Ernährung – Wissenschaft und Praxis“ einen Bericht über den Präventionsbericht 2007 (S. 82 ff.) und das Zwölf-Punkte-Programm der Verbraucherzentralen zum Klimaschutz in den Bereichen Ernährung und Landwirtschaft (S. 85 ff.).
Ihre
Sabine Fankhänel
Diesen Artikel finden Sie in Ernährung – Wissenschaft und Praxis 02/2008 auf Seite 51 oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
