Konstantin von Normann im Gespräch
Immer mehr von Armut betroffene Menschen nehmen die Hilfe von Tafeln in Anspruch. Wir sprachen mit Diplom-Oecotropholgen Dr. Konstantin von Normann, Mitglied im Beirat des Bundesverbandes Deutsche Tafel e. V. und rechnungsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft e. V. unter anderem über die Zukunft der deutschen Tafel-Landschaft und seine Forderungen an Politik und Gesellschaft.
K. v. NormannHerr Dr. von Normann, die Tafeln in Deutschland verzeichnen immer mehr Zulauf. Im letzten Jahr versorgten ca. 750 Tafeln regelmäßig über 700.000 Menschen. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?
Als in Deutschland die dreihundertste Tafel gegründet wurde, waren viele Tafelleiterinnen und -leiter und auch der Bundesverband Deutsche Tafel e. V. der Überzeugung, es würden sicher keine 500 werden, und nun sind weit über 700 Tafeln aktiv. Diese Entwicklung war so nicht vorhersehbar und hat die Tafeln selbst überrascht. Ein wichtiger Grund dafür ist sicher in der Hartz-IV-Gesetzgebung mit der Schaffung des Arbeitslosengeldes (ALG) II zu sehen, das lediglich auf Sozialhilfeniveau liegt und für viele Menschen weder eine adäquate Teilhabe am gesellschaftlichen Leben noch eine gesundheitsförderliche Ernährung ermöglicht.
Weitere Gründe sind die immer präsenter werdende Kinderarmut und die Altersarmut, also die Armut von besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen, und natürlich auch die Präsenz der Tafeln in Deutschland selbst. Die einfache Idee, Armut und Lebensmittelüberschüsse in einem reichen Land wie unserem beenden zu wollen, ist allen Beteiligten, also den Ehrenamtlichen, den Unternehmen, Institutionen und den Bedürftigen schnell erklärt und es gibt keine echten Gründe gegen diese gute Idee.
Schon Anfang der 1990er Jahre konnte eine Studie über die Ernährung von Sozialhilfeempfängerinnen und -empfängern in Frankfurt zeigen, dass der Soziahilfebetrag für Lebensmittel im Schnitt lediglich für 19,5 Tage reicht. Aufgrund der Preissteigerungen und der verschwindend geringen Anpassungen des Sozialhilfe-/ ALG-II-Satzes, dürfte es für Menschen aktuell noch schwieriger sein, ihre Ernährung sicherzustellen.
Die deutlich steigende Zahl von Bedürftigen, die im letzten Monatsdrittel die Hilfe der Tafeln in Anspruch nimmt, zeigt, dass die mittlerweile in die Jahre gekommene Studie die Realität immer noch richtig abzubilden scheint!
Da wir in Deutschland eine Armutsquote von 12,7% der Bevölkerung haben – nach dem Konzept der relativen Einkommensarmut für das Jahr 2004 sind das rund 10,5 Mio. Menschen – gibt es bei jetzt über 700.000 von den Tafeln erreichten Menschen noch viele Bedürftige zu versorgen. Mit anderen Worten, die Arbeit der Tafeln wird auch künftig nötig sein und es werden eher mehr als weniger Bedürftige.
Die Zahl der Tafeln kann aber durchaus auch wieder sinken, nicht, weil Tafeln vor Ort keine Bedürftigen finden, sondern eher, weil sich Tafeln zusammenschließen werden, um als größere Einheit noch bessere Arbeit leisten zu können.
Redaktion
Diesen Artikel finden Sie in Ernährung – Wissenschaft und Praxis 02/2008 auf Seite 72 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
