Subjektorientierung in der Ernährungs- und Gesundheitsbildung

Seit langem ist bekannt, dass sich das im Alltag praktizierte Essverhalten im Allgemeinen nicht allein durch steigendes Ernährungswissen verändert. Die allgemein geforderte Kompetenzorientierung soll nun die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln abbauen. Dadurch gewinnen die Lebenswelten der Lernenden an Bedeutung für Unterrichtskonzepte.

Das REVIS-Konzept geht über eine Beachtung der Bedingungen der Lebenswelten hinaus, stellt den handelnden Menschen in den Mittelpunkt und fordert damit mehr als nur anwendungsbezogene Beispiele. Dieser Beitrag will die durch eine stärkere Subjektorientierung gegebenen Chancen zur Verringerung der Diskrepanz zwischen Wissen und Tun aufzeigen. Die den Überlegungen zugrunde liegende These lautet: Subjektorientierung als didaktisches Prinzip trägt zu kompetenzorientiertem, salutogenetischem und lebensbegleitendem Lernen bei.

Die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln ist ein ungelöstes Problem (nicht nur) in der Ernährungsbildung. Gesundheitspräventive Maßnahmen erreichen nur selten konsumierende und essende Menschen in ihrem Alltag – so gilt die Ernährungskommunikation als gescheitert. Als Gründe werden u. a. Einseitigkeit und Hierarchie des Experten-Laien-Verhältnisses herausgestellt.

Gleichzeitig wächst die Notwendigkeit einer alltagstauglichen Ernährungsbildung für alle: Nicht übersehbar sind die alarmierenden Daten beispielsweise über zunehmend Adipöse, und dies bereits im Kindes- und Jugendalter. Neuere Erkenntnisse lassen den Schluss zu, dass es in der heutigen Schlaraffenland-Umwelt nur durch eine flexible Kontrolle des Essverhaltens möglich ist, eine langfristige Gewichtsstabilisierung zu erreichen.

Erschwerend wirkt sich ein weit verbreitetes entstrukturalisiertes Essverhalten in einem Umfeld aus, das durch eine hohe gesellschaftliche Toleranz gegenüber unterschiedlichen Essweisen und Tischsitten gekennzeichnet ist. Zugleich findet jedoch nach wie vor eine soziale Verortung auch über Essen und Körper statt.

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Die aktuelle Bildungsdiskussion wird durch Literacy-Ansätze bestimmt. Mit dem Curriculum für Ernährungs- und Verbraucherbildung, das im Rahmen des Modellprojekts REVIS (Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen) von 2003 bis 2005 entwickelt wurde, liegt ein aktuelles, innovatives Konzept vor, das den Literacy-Ansatz für die Bereiche Essen und Konsum formuliert und den Stand der fachdidaktischen Diskussion widerspiegelt.

Als Ziel einer zeitgemäßen Ernährungsbildung wird ein Kompetenzaufbau gesehen, der die Lernenden zu reflektierten (möglichst gesundheitsförderlichen und nachhaltigen) Essentscheidungen in einer komplexen Welt befähigt, um ihre gesellschaftliche Teilhabe und Lebensbewältigung zu sichern.

Didaktisch-methodische Eckpunkte sind kompetenzorientiertes, salutogenetisch orientiertes und lebensbegleitendes Lernen – bezogen auf die Inhaltsbereiche Ernährungs-, Gesundheits- und Verbraucherbildung. Individuum, Sozialverband und Gesellschaft sind Bezugspunkte für Reflexionsprozesse. Das REVIS-Konzept gibt damit der fachdidaktischen Diskussion eine neue Orientierung vor.

Korrespondierende Autorin: Dr. Silke Bartsch (silke.bartsch@jugendesskultur.de)

Diesen Artikel finden Sie in Ernährung – Wissenschaft und Praxis 03/2008 auf Seite 100 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.

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