Hans-Ulrich Häring im Gespräch
Prof. Dr. Hans-Ulrich Häring von der Medizinischen Universitätsklinik in Tübingen beschäftigt sich schon lange mit der Prävention des Diabetes mellitus Typ 2. Er initiierte im Jahr 2003 die Diabetes-Präventionsstudie TULIP (TUebinger Lebensstil Interventions- Programm).
Hans-Ulrich HäringIhr Ziel ist die Identifikation von Parametern, mit denen sich der Erfolg von Lebensstiländerungen für den Einzelnen voraussagen lässt. Für „Ernährung – Wissenschaft und Praxis“ sprach Dr. Gunda Backes mit ihm über die genetische Disposition und die Prävention des Typ-2-Diabetes.
Herr Professor Häring, Polymorphismen bestimmter Gene scheinen mit einem deutlich erhöhten Risiko für Diabetes mellitus Typ 2 verbunden zu sein. Welche Forschungsansätze gibt es in diesem Bereich?
Man nutzt zwei Ansätze, um den Zusammenhang zwischen Genen und Entstehung eines Typ-2-Diabetes zu untersuchen.
Beim ersten versucht man über die Pathomechanismen, Gene zu identifizieren, die man als Kandidatengene bezeichnet. Das heißt, man geht vom Stoffwechselweg aus und nimmt an, dass sich Störungen bestimmter Stoffwechselwege pathophysiologisch bemerkbar machen. Dieser Ansatz hat in den letzten 5 Jahren zur Identifikation einzelner Diabetesgene geführt.
Der zweite Weg nutzt moderne Screening- Methoden. Dabei wird in großen Populationen im gesamten Genom der Teilnehmer nach entsprechenden Genen gesucht; bei diesen Assoziationsstudien an 10.000 Typ-2-Diabetikern und 10.000 Nichtdiabetikern fand man eine Reihe von Genen, die mit einem erhöhtem Risiko für Typ-2-Diabetes vergesellschaftet sind.
Wir haben auch funktionelle Daten für diese Gene, d. h., eine Reihe dieser Gene verändert auch tatsächlich die Insulinsekretion. Alle so gefundenen Gene haben aber keinen Effekt auf die Insulinresistenz, sondern sie modulieren nur das Sekretionsversagen.
Warum erkranken manche übergewichtigen Menschen an Diabetes, andere dagegen nicht?
Die derzeitige Vorstellung zur Entstehung eines Typ-2-Diabetes sieht so aus: Über die Zeit entsteht durch Adipositas, Minderbewegung und ektope Fettspeicherung (Anm.d. Red.: Fett lagert sich in der Leber, Muskeln, Gefäßen an) eine Stoffwechselsituation, die zu einer Insulinresistenz führt. Auf die ektope Verfettung reagieren wiederum die Organe.
Beispielsweise führt bei einigen Menschen eine Verfettung der Leber dazu, dass diese inflammatorische Stoffe bildet, die zur Insulinresistenz der Leber weiter beitragen. Der nächste Schritt ist dann der sog. Tissue- Cross-Talk, d. h., es entsteht eine Insulinresistenz auch anderer Organe, die Gene werden anders exprimiert. So kann ein prädiabetisches Milieu entstehen. Und jetzt kommt es darauf an, ob die β-Zellen genetisch bedingt dieses Milieu bis zum Lebensende aushalten oder nicht, ob man also Diabetiker wird oder nicht.
Dr. Gunda Backes
Diesen Artikel finden Sie in Ernährung – Wissenschaft und Praxis 03/2008 auf Seite 130 f. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
