Kirsten Dickau im Gespräch
Sportliche Höchstleistungen erfordern eine sportgerechte und leistungsfördernde Ernährung. Um die Athleten zu unterstützen, bieten die meisten Olympiastützpunkte Ernährungsberatungen an. Mit der Diplom-Oecotrophologin Kirsten Dickau sprachen wir darüber, wie diese durchgeführt werden. Die ehemalige Leistungssportlerin betreut seit mehr als fünf Jahren Spitzensportler in Frankfurt am Olympiastützpunkt Hessen sowie in Heidelberg am Olympiastützpunkt Rhein-Neckar.
Frau Dickau, warum wird Ernährungsberatung an einem Olympiastützpunkt angeboten?
Olympiastützpunkte sind zentrale Serviceeinrichtungen für Bundeskaderathleten und deren Trainer. Ihre Hauptaufgabe ist es, die qualifizierte Betreuung dieser Athleten sicherzustellen, unter anderem während der gezielten Vorbereitung der Top Teams für die Olympischen Spiele. Die Schwerpunkte liegen in den Bereichen Trainingswissenschaft, Physiotherapie, Sportmedizin und Psychologie. Die Ernährungsberatung stellt einen wichtigen Baustein dar, der dieses Mosaik zur Spitzenleistung sinnvoll ergänzt. Denn nach Schätzungen kann die Leistung abhängig vom Ausgangsstatus um ca. 15 bis 20 Prozent verbessert werden, wenn die Nährstoffzufuhr des Sportlers optimiert wird.
Wie ist die Ernährungsberatung organisiert und welche Ziele verfolgt sie? Ist eine Ernährungsberatung für die Sportler „Pflicht“ oder kommen sie nur bei Problemen zu Ihnen?
Das Angebot von Ernährungsberatung an Olympiastützpunkten ist nicht obligatorisch. Es liegt im Ermessen des Stützpunktleiters, ob den Athleten eine Ernährungsberatung angeboten wird. Alle Ernährungsberater sind freie Mitarbeiter und arbeiten auf Honorarbasis. Abhängig von der Nachfrage fallen bei mir 10 bis 15 Wochenarbeitsstunden an.
Wenn Bundeskaderteams zentral an einem Leistungsstützpunkt betreut werden, dann können es auch mehr sein. Die Ernährungsberatung von Leistungssportlern hat sich bisher in Deutschland noch nicht als „Pflichtveranstaltung“ durchgesetzt. Wir vom Arbeitskreis Ernährungsberatung an den Olympiastützpunkten betrachten das durchaus noch als Pionierarbeit.
In der Regel kommen die Sportler aus Eigeninitiative oder werden vom Trainer zur Ernährungsberatung geschickt. Die Ziele der Ernährungsberatung umfassen Gewichtsreduktion bei Muskelerhalt, Gewichtszunahme durch gezielten Muskelaufbau, Leistungsverbesserung durch Optimierung der Nährstoffzufuhr und des Timings (z. B. Zeitpunkt der Zufuhr an Mahlzeiten und Getränken) oder auch Prävention von Krankheiten wie Erkältungshäufigkeit im Winter oder Essstörungen.
Welche Sportler aus welchen Bereichen und in welchem Trainingszustand nutzen Ihr Angebot?
Jeder Olympiastützpunkt betreut bestimmte Sportarten schwerpunktmäßig. In Frankfurt betreue ich vorwiegend Leichtathleten, Schwimmer, Spielsportler wie Volleyballer und Hockey-Spieler und einige Gewichtsklassensportler, beispielsweise Ringer, Judoka und Ruderer. In Heidelberg nehmen vor allem Boxer, Gewichtheber und Basketballspieler meinen Ernährungsberatungsservice in Anspruch.
Je nach Trainingsphase sind die Aufgaben unterschiedlich: In der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung gilt es, die Energie- und Nährstoffreserven aufzufüllen oder gezielt Gewicht zu reduzieren. Viele Sportler kommen bei Trainingstiefs bzw. in einer „Übertrainingsphase“. Einige Athleten betreue ich schon seit Jahren, sie nutzen die Ernährungsberatung ca. ein- bis zweimal im Jahr für einen „Check-up“.
Gibt es Ernährungsfragen bzw. -probleme, die in einzelnen Sportarten gehäuft auftreten? Wenn ja, welche sind das?
Leistungssportler kommen mit dem Anspruch zur Ernährungsberatung, für sich persönlich das Beste herauszuholen, und sie sind in der Regel bereit, ihre Ernährungsgewohnheiten „sportgerecht“ zu verändern. Die Ziele sind individuell sehr unterschiedlich. Deutlich zeigen sich diese zum Beispiel bei ästhetischen Sportarten wie dem Geräteturnen und Kraft-Ausdauer- Sportarten wie dem Schwimmen.
Turnerinnen haben einen sehr gut trainierten Körper mit sehr geringem Körperfettgehalt. Sie liegen mit ihrem Körpergewicht meist unterhalb des BMI-Normalbereichs, um optisch vermeintlich noch attraktiver zu wirken. Hier muss bei minimaler Energiezufuhr auf eine ausgewogene Nährstoffzufuhr geachtet werden. Schon von sehr jungen Sportlerinnen, also im Alter von 10 bis 13 Jahren, fordern Trainer oft eine eiserne Essdisziplin. Leider spielen nicht selten Essstörungen in Richtung Magersucht eine Rolle. Ernährungsberater werden häufig erst dann zu Rate gezogen, wenn die Leistungsfähigkeit dramatisch absinkt oder die Anfälligkeit für Erkrankungen ansteigt.
Junge muskulöse Schwimmer müssen häufig im Hinblick auf die Zufuhr an „versteckten“ Fetten gebremst werden. Die Energiemenge stimmt, doch der Nährstoff- Mix oft nicht. Hier können schon einmal „Verhandlungen“ laufen, wie viele Fast-Food-Mahlzeiten in einer Woche für einen Leistungsschwimmer noch akzeptabel sind.
Grundsätzlich unterscheiden sich Leistungssportler im Alter zwischen ca. 15 und 30 Jahren hinsichtlich ihrer Lieblingsspeisen nicht sehr von ihren nicht sportlichen Gleichaltrigen. Die Ernährungsumstellung in Richtung sportgerechter Ernährung geht daher nur in kleinen Schritten voran. Sobald der Athlet jedoch eine individuelle Leistungsverbesserung subjektiv spürt oder messbar durch zum Beispiel kürzere Schwimmzeiten erfährt, nimmt er Veränderungen im Essverhalten bewusst an und setzt sie dauerhaft um.
Redaktion
Diesen Artikel finden Sie in Ernährung – Wissenschaft und Praxis 05/2008 auf Seite 213 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
