Wie gesund sind Migranten?
(nös) Knapp ein Fünftel der deutschen Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund. Diese Menschen sind zugewandert oder Kinder bzw. Enkel von Zuwanderern. Über ihren Gesundheitszustand und die Unterschiede zur Allgemeinbevölkerung ist allerdings nur wenig bekannt. Wissenschaftler der Universität Bielefeld haben nun im Auftrag des Robert Koch-Institutes (RKI) erstmals Licht ins Dunkel gebracht. Ihr Fazit: Menschen mit Migrationshintergrund sind nicht grundsätzlich kränker – in manchen Bereichen haben sie jedoch erhöhte Gesundheitsrisiken.
Foto: iStockphoto
Für die erhöhten Risiken ist dem Bericht zufolge allerdings nicht die Migration als solche verantwortlich. Vielmehr seien es die Gründe dafür, sowie die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen. So hätten Personen mit Migrationshintergrund häufig einen niedrigeren sozioökonomischen Status und einen gesundheitsgefährdenden Beruf oder seien arbeitslos.
Auch psychologische Aspekte seien bei ihnen von größerer Bedeutung als bei der deutschen Allgemeinbevölkerung. Demnach könne es durch die Trennung von der Familie, durch Fremdenfeindlichkeit oder durch politische Verfolgung und Folter im Herkunftsland zu psychosozialen Belastungen kommen.
Als Risikogruppen identifiziert der Bericht Kinder, Ältere, Frauen und „Illegale“. So seien beispielsweise Kinder und Jugendliche überproportional von Bildungsarmut betroffen und verfügten deswegen über ungünstigere Zukunftsaussichten. Personen ohne einen rechtlich gesicherten Aufenthalt („Illegale“) seien oft potenziell gesundheitsschädigenden Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Außerdem seien sie meist nicht krankenversichert – eine Notfallversorgung könnten sie nicht in Anspruch nehmen, da sie dann eine Abschiebung riskierten.
Laut dem Bericht ergibt sich bei den Krankheitsbildern ein sehr differenziertes Bild. So war beispielsweise im Jahr 2005 der Anteil adipöser Frauen ab dem 35. Lebensjahr bei Nichtdeutschen (Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit) wesentlich höher als bei Deutschen. Bei den Frauen unter 35 ist es umgekehrt – hier sind die deutschen Mädchen und Frauen dicker. Eindeutiger ist das Bild bei Allergien: Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund leiden deutliche seltener als deutsche an beispielsweise Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitits.
In ihrer Untersuchung stellten die Autoren außerdem erhöhte Risiken für Krankheitsbilder fest, die in Deutschland eigentlich selten geworden sind. Dazu zählen unter anderem Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, die verstärkt durch Zuwanderer aus der Türkei und den ehemaligen Sowjetstaaten nach Deutschland gebracht wird. Aber auch Todesfälle während der Geburt und im ersten Lebensjahr seien bei Migranten häufiger als bei der Gesamtbevölkerung.
Zusammenfassend hebt der Bericht hervor, dass in Deutschland bereits viel getan werde, um Menschen mit Migrationshintergrund den Zugang zu Gesundheitsdiensten zu erleichtern. Dennoch sehen die Autoren nach wie vor Handlungsbedarf. Dies betreffe unter anderem sprachliche Barrieren, die mit mehrsprachigen Informationsmaterialien abgebaut werden könnten. Aber auch die Bedeutung der geschlechtsspezifischen Medizin (Gender Medicine) müsse vor dem Hintergrund anderer kultureller Gewohnheiten diskutiert werden.
Der Schwerpunktbericht „Migration und Gesundheit“ ist in der Gesundheitsberichterstattung (GBE) des Bundes erschienen. Neben dem RKI haben daran Wissenschaftler der Universität Mainz, der Charité in Berlin und des Ethno-Medizinischen Zentrums in Hannover mitgearbeitet. Der Bericht und zusätzliche Daten können auf den Internetseiten des Robert Koch-Instituts heruntergeladen werden.
25.07.08
Quelle: Robert Koch-Institut