Depressionen: Die Seele schwingt nicht mehr
Jeder Fünfte erkrankt einmal in seinem Leben an einer Depression. Doch die Diagnose muss heute kein fatales Schicksal bedeuten. Gemessen an den noch vagen Vorstellungen über die tatsächlichen Ursachen, sind die medikamentösen und andere Behandlungsmöglichkeiten gut.
Etwa fünf Prozent der Bevölkerung, das heißt vier Millionen Menschen, leiden derzeit in Deutschland an einer Depression. Ein bis zwei Personen von 100 erkranken jedes Jahr neu, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Depressive Episoden kommen in jedem Alter vor, wobei der Erkrankungsgipfel zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr liegt. Doch bei manchen Patienten bricht die Störung bereits im Alter von 16 bis 20 Jahren aus, und ein zweiter niedrigerer Erkrankungsgipfel liegt bei 70 bis 75 Jahren.
In der Gesellschaft werden psychische Erkrankungen noch immer stigmatisiert, was sich in auch in einer Unterdiagnostizierung niederschlägt. Kürzlich untersuchte eine Studie des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, wie effektiv depressive Patienten in der Hausarztpraxis behandelt werden. Das Ergebnis: 55,7 Prozent der Depressionen blieben unerkannt, 15,3 Prozent wurden diagnostiziert, aber nicht behandelt. Nur die restlichen 29 Prozent erhielten eine Therapie.
Oft bleibt eine Depression auch deshalb unerkannt, weil sie sich in körperlichen Beschwerden niedergeschlagen hat. Eine solche somatisierte Depression ist wesentlich schwerer zu diagnostizieren, als wenn Verzweiflung und Selbstentwertung offen zu Tage treten. Umgekehrt können aber auch Erkrankungen des Körpers eine Depression nachsichziehen, beispielsweise eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse oder ein Diabetes.
Neurologische Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Schlaganfall oder Verletzungen im Kopfbereich sind ebenfalls häufig mit einer Depression assoziiert. Bekannt sind depressive Störungen auch als Folge von Virusinfektionen oder Autoimmunkrankheiten wie chronischer Polyarthritis oder Morbus Crohn.
Besonders gefährdet sind Patienten mit Erkrankungen des Herzens. So leidet die Hälfte aller Patienten mit Koronarer Herzerkrankung auch an einer Depression, und Menschen, die nach einem Herzinfarkt noch zusätzlich an einer Depression erkranken, sterben wesentlich häufiger als Patienten mit „nur“ einem Herzinfarkt.
Eine Depression gehört zu den quälendsten Beeinträchtigungen, die es überhaupt im Leben gibt. Wie es dazu kommt, ist in vielen Aspekten noch nicht verstanden, doch nach heutigem Verständnis entsteht eine Depression in der Regel durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren. Eine genetische Disposition, Störungen des Gehirnstoffwechsels, psychosoziale Komponenten, Persönlichkeitsfaktoren sowie die individuelle Lebensgeschichte können zu einer depressiven Erkrankung beitragen.
Einer der stärksten Risikofaktoren scheint die familiäre genetische Belastung zu sein. Leiden mehrere nahe Angehörige an einer Depression, steigt das individuelle Risiko, ebenfalls depressiv zu werden, auf das bis zu 15-Fache an. Große Erwartungen werden deshalb in die Möglichkeiten der Genomforschung gesetzt.
Hannelore Gießen
Diesen Artikel finden Sie in DAS PTA MAGAZIN 03/2008 auf Seite 20 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
