Zertifizierte Fortbildung: Protease-Inhibitoren zur Behandlung von HIV – der Wirkstoff Darunavir
Weltweit steigt die Zahl an Neuinfektionen mit HIV wieder an, weil die Bedrohung unterschätzt wird. In der westlichen Welt ist Aids eine therapierbare Erkrankung geworden, die jedoch meist lebenslang behandelt werden muss. Um das Risiko für Resistenzen zu mindern, werden immer wieder neue Substanzen benötigt. Mit Darunavir ist kürzlich ein neuer Wirkstoff aus der Klasse der Protease-Inhibitoren auf den Markt gekommen.
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Im Jahr 2007 haben sich laut Robert-Koch-Institut 2,5 Millionen Menschen neu mit HIV (human immunodeficiency virus), dem Auslöser der tödlichen Immunschwächekrankheit Aids (acquired immunodeficiency syndrome), infiziert. Weltweit lebten Ende des Jahres 2007 nach Berechnungen circa 33,2 Millionen Menschen mit HIV/Aids. Man geht davon aus, dass sich täglich weltweit 6800 Menschen mit HIV infizieren und 5700 Menschen sterben, weil sie keinen oder nur unzureichend Zugang zu Prävention und medizinischer Behandlung haben. Die HIV-Pandemie ist unter den Infektionskrankheiten die größte Bedrohung weltweit.
Mehr HIV – weniger Aids in Deutschland
Auch in Deutschland hat sich HIV Ende der 1970er-Jahre ausgebreitet. Anfang der 80er-Jahre kam es zu einem raschen Anstieg der HIV-Infektionen, besonders unter Männern mit gleichgeschlechtlichen und häufig wechselnden Kontakten oder i.v.-Drogenabhängigen. Während in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre aufgrund von Präventionskampagnen und Verhaltensänderungen ein Rückgang der Neuinfektionen zu verzeichnen war, muss man jetzt Anfang des neuen Jahrtausends einen erneuten Anstieg von HIV-Infektionen wahrnehmen.
Für das Jahr 2007 wurde laut RKI mit 3000 Neuinfektionen in Deutschland gerechnet. Etwas anders ist die Situation bei manifest gewordener Aids-Erkrankung. Seit 1995 geht die Zahl der neu diagnostizierten Aids- Fälle aufgrund des Einsatzes hoch wirksamer antiretroviraler Kombinationstherapien deutlich zurück.
Durch die steigende Infektionsrate und die verbesserte Therapie nimmt die Zahl der lebenden HIV-Infizierten und bereits an Aids erkrankten Patienten in Deutschland kontinuierlich zu und erreichte Ende 2007 einen geschätzten Wert von 59 000 Betroffenen.
Gezielter Angriff auf Immunzellen
HIV induziert eine chronische, immunsuppressive Infektion, die durch eine andauernde, hochgradige Virusreplikation gekennzeichnet ist. Das Virus, ein Retrovirus aus der Subgruppe der Lentiviren, befällt neben CD4+-T-Zellen, die auch als T-Helferzellen bezeichnet werden, noch andere Immunzellen wie Monozyten. Ohne antiretrovirale Therapie führt die Infektion letztlich zu einem schweren Immundefekt und zum Tod. Der Verlauf einer unbehandelten HIV-Infektion lässt sich in drei Hauptstadien aufteilen:
- Während der primären akuten Phase der HIV-Infektion, die sich innerhalb von Wochen nach der Übertragung entwickelt, verteilt sich das Virus über das lymphatische Gewebe im Körper. Bei einem Teil der infizierten Menschen kommt es zu einem akuten HIV-Syndrom, das durch grippeähnliche Symptome charakterisiert ist. In dieser Phase tritt eine generalisierte Lymphknotenschwellung (Lymphadenopathiesyndrom, LAS) auf, welche über einen längeren Zeitraum anhalten kann und atypisch lokalisiert ist.
- Nach dieser akuten Phase der Infektion folgt eine Phase der chronischen asymptomatischen Infektion, die viele Jahre dauern kann. Während dieser Phase der „klinischen Latenz“ vermehrt sich das HIV jedoch kontinuierlich im lymphatischen Gewebe. Dadurch wird die Funktion des Immunsystems zunehmend geschwächt und die CD4+- T-Zellpopulation fortschreitend verringert.
- Die progressive Zerstörung des Immunsystems durch das Virus führt letztlich zum Zustand einer fortgeschrittenen Immunschwäche und zum Vollbild der Erkrankung Aids. Die Aids-Manifestation ist durch das Auftreten der typischen opportunistischen Infektionen (Pneumocystis carinii – Pneumonie, Candida – Ösophagitis, Herpesinfektionen etc.) und malignen Erkrankungen (Kaposi-Sarkom, maligne Lymphome) gekennzeichnet. Im Spätstadium manifestiert sich die Erkrankung darüber hinaus auch am zentralen Nervensystem. Enzephalopathien oder Neuropathien treten auf.
HIV mit HAART behandeln
Die Einführung der hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART) hat einen Wechsel der HIV-Infektion von einem akuten zu einem chronischen Krankheitsbild bewirkt. Das Ziel der HAART ist die Senkung der Viruslast unter die Nachweisgrenze, da damit die immunologische Funktion und ein dauerhaftes Ansprechen der Therapie erhalten werden kann. Auch das Risiko für eine Resistenzentwicklung von Virusmutanten sinkt bei minimaler Viruslast.
Derzeit gibt es vier bewährte antiretroviral wirksame Medikamentengruppen, welche in Kombination zur Behandlung eingesetzt werden. Die beiden neuen Gruppen der Integrase-Inhibitoren und der CCR5-Corezeptorantagonisten müssen ihren Stellenwert in der HAART noch finden.
Mit Darunavir (Prezista®) steht seit Mitte März 2007 ein neuer Protease-Inhibitor (PI) zur Verfügung. Strukturell ist er mit den anderen am Markt befindlichen Protease- Inhibitoren vergleichbar. Der Protease-Inhibitor ist zur Anwendung bei mehrfach vorbehandelten Erwachsenen zugelassen, wenn mehrere vorangegangene Therapieschemata mit einem Protease-Inhibitor versagt haben.
Bei der Auswahl der initialen Medikamentenkombinationen sind neben der Viruslast und dem Krankheitsstadium weitere Faktoren wie die Lebensweise, Komorbidität und andere notwendige Therapien zu berücksichtigen. Für eine wirksame Initialtherapie stehen verschiedene hochaktive antiretrovirale Kombinationstherapien (HAART) zur Verfügung:
- Kombination eines – in der Regel geboosteten – Protease-Inhibitors (PI) mit zwei nukleosidanalogen Reverse Transkriptase Inhibitoren (NRTI),
- Kombination eines nicht nukleosidanalogen Reverse Transkriptase Inhibitors (NNRTI) mit zwei NRTI,
- Kombination von drei NRTI.
Korrespondierende Autorin: Apothekerin Dorothee Maywald, MPH
Diesen Artikel finden Sie in APOTHEKE + MARKETING 04/2008 auf Seite 46 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
