Hauptstadt-Notizen: Auf Bärenjagd
Die Befürworter eines Systemwechsels im deutschen Apothekenwesen rüsten auf. Kaum ein Monat vergeht, in dem aus Sicht der Apotheker nicht neue Negativschlagzeilen durch die Gazetten treiben. Im vergangenen April sorgte der US-Versandhandelsriese Medco für Furore – mit seinem Einstieg in den europäischen Markt.
Mit einem dreistelligen Millioneninvestment übernahmen die Marktführer im amerikanischen Arzneimittelversandhandel die niederländische Europa-Apotheek, den Partner der Drogeriemarktkette dm. Damit ist jetzt auch der zweite der ursprünglich in der Illegalität gewachsenen „Versandpioniere“ in Konzernbesitz. dm zeigte in seinen Kommentaren Freude über diesen Schritt: Man werde seine „Pharma- Punkte“ weiter ausbauen, hieß es aus der Zentrale der Drogeriemarktkette. Dabei lässt sich schon jetzt ablesen, dass aus den Partnern von heute bald erbitterte Wettbewerber werden könnten. Medco schloss jedenfalls gegenüber dem Handelsblatt nicht aus, eventuell eine eigene Apothekenkette in Deutschland gründen zu wollen.
Mitbewerber nutzen die Vorlage
Gelassen reagierte dagegen die Celesio AG. Man habe weitaus mehr Mitarbeiter als Medco und kenne sich im Geschäft sehr gut aus, war anlässlich der Eröffnung des neuen Celesio- Hauptstadtbüros zu hören, dessen Leiter der ehemalige PR- und Politikberater von DocMorris, Max Müller, ist.
Auch Dr. Thomas Kerckhoff sieht in dem Medco-Deal keinen Grund zur Panik. Zwar würden in dem sich verändernden Apothekenmarkt viele Offizinen verschwinden, für aktive Apotheken bestehe aber eine gute Chance sich zu behaupten – wenn man den richtigen Kooperationspartner, beispielsweise Avie, wählte. Ein allzu einfaches Rezept des ehemaligen Vorsitzenden des Bundesverbandes deutscher Versandapotheker, der heute Geschäftsführer der zur Kohl- Gruppe gehörenden Apothekenkooperation ist. Avie musste im vergangenen Jahr erheblich Federn lassen.
Mich machen diese Weltuntergangsszenarien richtig ärgerlich. Wenn es um die Durchsetzung der eigenen Ziele geht, scheut sich niemand, als Begleitmusik für seine eigene Werbetour mit der Schalmei der Furcht aufzuspielen. Gerade Angst war aber noch nie ein guter Ratgeber. Gut beraten sind auch weiterhin die Apotheken, die auf die eigene Stärke setzen. Dabei kann es je nach Situation durchaus Sinn machen, einer Kooperation oder einem Systemgeber beizutreten. Kann – muss aber nicht.
Signale für ein sensibles Urteil?
Derzeit wird mit Inbrunst das Fell eines Bären verteilt, der noch nicht einmal im Ansatz erlegt ist. Denn noch haben die Luxemburger Richter nicht entschieden. Ich glaube, dass ABDA-Präsident Wolf Recht hat, wenn er von einem „feinsinnigen“ Urteilsspruch des EuGH in der Frage des Fremdbesitzverbotes ausgeht. Dies war beim Versandhandel so und ist auch beim Fremdbesitz zu erwarten.
Dafür sprechen auch die neuesten Nachrichten aus Luxemburg. Erst kürzlich empfahl Generalanwalt Yves Bot dem EuGH, die Vertragsverletzungsklage der Kommission gegen Deutschland in Zusammenhang mit krankenhausversorgenden Apotheken zurückzuweisen. Die Vorschrift, dass regelmäßig und unverzüglich ein Apotheker in der Klinik anwesend sein müsse, diene dem Schutz der Gesundheit der Bevölkerung und verstoße damit nicht gegen europäisches Recht. Yves Bot ist übrigens auch der Generalanwalt im Fremdbesitzverfahren.
Personal als limitierender Faktor
Doch selbst im schlimmsten Fall könnten die Ketten nicht sofort und ungebremst den prophezeiten Siegeszug antreten. Es gibt nämlich in Deutschland ein Gut, das noch knapper ist als gute Apothekenstandorte: approbierte Apotheker. In den 21 570 Apotheken arbeiten nämlich, die Inhaber eingeschlossen, „nur“ 47 766 Apothekerinnen und Apotheker, davon viele in Teilzeit. Wer schon einmal eine Filiale eröffnen wollte, weiß wie schwer es ist, dafür einen approbierten Leiter zu finden. Warum sollte das für Ketten einfacher sein?
Elmar Esser (elmaresser@e-zwo.info)
Diesen Artikel finden Sie in APOTHEKE + MARKETING 05/2008 auf Seite 24 oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
