Hauptstadtnotizen: Notwendiger Kraftakt
Das Ergebnis war denkbar knapp: mit 45 Ja-Stimmen bei zehn Enthaltungen und 35 Gegenstimmen votierten die Delegierten der westfälisch-lippischen Kammerversammlung für ein neues Konzept zur Pflichtfortbildung, das die einzelnen Berufsmitglieder in diesem Landesteil Nordrhein-Westfalens künftig wesentlich stärker fordern wird als ihre KollegInnen im restlichen Bundesgebiet.
Das Programm hat es in sich: Geht es nach dem Willen von Kammerpräsident Hans-Günter Friese, werden in Westfalen-Lippe künftig nur noch Apotheker tätig werden dürfen, die ein Fortbildungszertifikat erworben haben. Für die Apothekenleiter wird Qualitätsmanagement ebenso Pflicht wie die Teilnahme an Testkäufen und Rezepturringversuchen. „Einen echten Kraftakt“ sieht Friese angesichts dieser sicher nicht gerade populären Maßnahmen auf die Kammer zukommen – und damit hat er wohl recht.
Denn viele Apotheker werden sich fragen, ob dieser durch die von ihnen finanzierte Kammer losgetretene „Aufbruch im Umbruch“ tatsächlich in eine Zeit passt, in der dm-Läden – ausgestattet mit höchstrichterlicher Billigung – ohne jede Form von Beratung oder gar pharmazeutischer Kompetenz Arzneimittel an ihre Drogeriemarktkunden verteilen dürfen.
Offensive setzt Signale
Ich glaube, er passt. Mehr noch: Er ist bitter notwendig. Und der Zeitpunkt kommt im Vorfeld des EuGH-Urteils ebenfalls genau richtig. Der Apothekenmarkt ist unzweifelhaft im Umbruch. Die Akteure kommen dabei aber nicht nur von außen, sondern auch aus den eigenen Reihen. Discount-Apotheken, in denen das Preisargument dominiert und Beratung eher zur lästigen Verpflichtung verkommt, verändern das Bild der Apotheke deutlich mehr als die Arzneimittelabgabe in Drogeriemärkten.
Gerade das aber kann fatale Folgen auf die Wahrnehmung durch die Politik haben. Denn auch hier findet derzeit ein Umbruch statt. Vor dem Hintergrund des dm-Urteils und der dramatischen Zunahme von Arzneimittelfälschungen mehren sich vor allem in den Bundesländern die Stimmen, die den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln wieder verbieten wollen. Insider rechnen mit einer entsprechenden Bundesratsinitiative noch in diesem Jahr. Hierfür kann die westfälisch-lippische Offensive eine wertvolle Signalwirkung haben. Es ist eben doch ein großer Unterschied, ob man ständig nur von pharmazeutischer Qualität redet oder ob sie für jeden nachprüfbar in den Apotheken gelebt wird.
Wann ziehen die anderen nach?
Ob Frieses Vorstoß von Erfolg gekrönt sein wird, hängt aber letztlich von der Akzeptanz ab, die er in der Apothekerschaft findet. Bleibt er auf Westfalen-Lippe beschränkt, könnte er mehr Probleme aufwerfen als lösen. Beispielsweise dadurch, dass Apotheker, die aus anderen Kammerbereichen ins Westfälische wechseln wollen, zunächst ein Fortbildungszertifikat erwerben müssten. Das könnte das ohnehin bestehende Problem des Mangels an Apothekern in ländlichen Regionen gerade im Flächenstaat Westfalen-Lippe noch einmal verschärfen. Hierfür müssen flexible Lösungen ebenso gefunden werden, wie für approbierte Teilzeitkräfte und Apothekerinnen, die nach der Familienphase wieder in den Beruf zurückkehren wollen.
Jetzt beginnt die Überzeugungsarbeit
Zumindest beim gerade zu Ende gegangenen Pharmacon in Meran war die Zustimmung zu Frieses Vorstoß groß. Das ist nicht verwunderlich, weil dessen Teilnehmer allein in dieser Woche 40 Fortbildungspunkte erworben und damit 80 Prozent der für das Zertifikat benötigten Fortbildung absolviert haben. Die Präsidentin der Bundesapothekerkammer, Magdalene Linz, rechnet jetzt mit einer intensiven Debatte in den BAK-Gremien. Noch haben einige Kammern wenig Sympathie für eine Qualitätsoffensive in den Apotheken, während gleichzeitig durch die Gerichte neue völlig unpharmazeutische Vertriebswege wie Drogeriemärkte geöffnet werden. Auch hier steht Hans-Günter Friese also noch ein gewaltiger Kraftakt an Überzeugungsarbeit bevor.
Elmar Esser (elmaresser@e-zwo.info)
Diesen Artikel finden Sie in APOTHEKE + MARKETING 06/2008 auf Seite 25 oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
