Hauptstadt-Notizen: Rabatzverträge

Während im gesundheitspolitischen Berlin derzeit die Krankenhausfinanzierung an erster Stelle der parlamentarischen Streitliste steht, bahnt sich mit den neuen AOKRabattverträgen offenbar noch mehr Ärger an, als bislang erwartet wurde. Denn schnell nach Bekanntwerden der Ausschreibung meldete sich bereits der Branchenverband der Generikaindustrie Pro Generika zu Wort und warnte vor erneuten Lieferengpässen.

Als Grund für seine Bedenken nennt der Branchenverband die zu kurze Zeit zwischen Erteilung der Zuschläge und Vertragsbeginn. Diese würde einigen Herstellern nicht ausreichen, um die zusätzlichen Produktionskapazitäten aufzubauen, die man für die Versorgung der AOK-Versicherten benötige. Pro Generika brachte daher Übergangsfristen ins Spiel.

Guter Wille alleine genügt manchmal nicht

Der Teufel steckt wie so oft auch bei den neuen Verträgen im Detail. So hat sich die AOK zwar bemüht, diesmal alles richtig zu machen. Gut bemüht ist aber noch nicht gut getan. Dies betrifft insbesondere die Aufteilung der Bundesrepublik in fünf Gebietslose. Eine Entscheidung, die die AOK nach eigenen Angaben gefällt hat, um kleinen und mittleren Unternehmen die Beteiligung einfacher zu machen.

Was auf den ersten Blick wie Mittelstandsschutz aussieht, könnte sich aber schon bald als Pferdefuß der gesamten Ausschreibung erweisen. Denn pro Los soll nur noch ein Unternehmen (statt bislang drei oder vier) den Zuschlag erhalten. Apotheken können bei Nichtlieferfähigkeit damit nicht mehr auf andere Hersteller aus dem Rabattvertrag ausweichen. Zudem müssen noch mehr Patienten als bislang auf ein neues Medikament umgestellt werden.

Anzeige

Beide Punkte zusammen genommen bedeuten, dass zum 1. März 2009 erheblicher neuer Ärger auf die Apothekenteams zukommen wird. Der Vertragsbeginn musste um zwei Monate verschoben werden, nachdem die AOK auf Fehler im Ausschreibungsverfahren hingewiesen wurde.

Zwar hat der größte deutsche Kassenverbund gleichzeitig die Frist zwischen Vertragsabschluss (Mitte Dezember) und -beginn ebenfalls um einen Monat verlängert, doch auch dies reicht nach Mitteilung der Herstellerverbände nicht aus. Ob und in wieweit erneut Übergangsfristen vereinbart werden, steht derzeit noch in den Sternen.

89 Millionen Euro: eingespart …

Relativ klar ist allerdings, wie viel Geld tatsächlich mit den Rabattverträgen eingespart wurde. Bei der Vorstellung des Arzneiverordnungsreports Ende September in Berlin bezifferte der Vorsitzende der AOK Schleswig Holstein, Dr. Dieter Paffrath, für seine Kasse die Einsparungen in 2007 auf 1,5 Millionen Euro. Das sind bei 300 Millionen Euro Gesamt-Arzneimittelausgaben exakt 0,5 Prozent.

Kurz vorher hatte der Autor des Arzneimittel-Atlas, Prof. Siegfried Häussler, eine Rechnung für ganz Deutschland vorgelegt. Ziehe man die aufgrund der Rabattverträge erlassenen Zuzahlungen ab, hätten im Jahr 2007 alle Kassen zusammengenommen 89 Millionen Euro durch Rabattverträge eingespart.

… oder „auf den Kopf gehauen“?

Spätestens hier stellt sich die Frage, ob das neue Instrument bislang tatsächlich die Hoffnungen erfüllte, die die Politik damit verbunden hat. Ich habe da erhebliche Zweifel. Teilt man nämlich die von Häussler errechneten 89 Millionen durch die Zahl der Apotheken (21 570), kommt man auf einen Betrag von 4126,10 Euro.

Angesichts der Lieferschwierigkeiten des Jahres 2007 und der zahllosen Beratungs- und Beschwichtigungsgespräche, die in den Apotheken durch die Umstellung auf Rabattvertragsarzneimittel nötig waren, dürfte der tatsächliche (nicht honorierte) Aufwand allein der Apotheken bei einer Vollkostenrechnung deutlich höher gelegen haben.

Nimmt man die Transaktionskosten der Krankenkassen und die Mindereinnahmen der Hersteller hinzu, haben Rabattverträge zumindest 2007 ganz sicher mehr gekostet, als sie eingespart haben. Volkswirtschaftlich haben Rabattverträge also Geld verbrannt. Kein Wunder, dass sie zunehmend zu Verträgen werden, an denen sich permanenter Rabatz entzündet.

Elmar Esser (elmaresser@e-zwo.info)

Diesen Artikel finden Sie in APOTHEKE + MARKETING 10/2008 auf Seite 23 oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.

Inhalte durchsuchen

Titelseite

Mehr zum Thema

Diesen Artikel finden Sie in APOTHEKE + MARKETING 10/2008 auf Seite 23

Blättern: Seite 22  –  Seite 24-25

Hauptstadt-Notizen

Artikel-Downloads

Premium-Login

Im Premium-Bereich gelangen Sie zu den Fortbildungen und Ihren Zertifikaten.
Abonnenten haben zusätzlich Zugriff auf sämtliche Heftinhalte.

Aktionen

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.

Jobs für PTA und Apotheker

Den Stellenmarkt für PTA und Apotheker gibt es ab sofort auf jobcenter-medizin.de.