Zertifizierte Fortbildung: Antiepileptikum Lacosamid

Fast jeder hundertste Bundesbürger leidet an Epilepsie. Durch verschiedene biochemische Mechanismen kommt es zu einer Erniedrigung des Membranruhepotenzials von Nerven im Gehirn und damit zu einer Erniedrigung der Krampfschwelle. Antiepileptische Medikamente stabilisieren das Ruhepotenzial von Nerven im Gehirn. Seit kurzem steht mit Lacosamid ein neues Antiepileptikum für die Therapie zur Verfügung.

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Historie: Lacosamid*, früher auch als Harkoserid bezeichnet, ist als Analogon zu D-Serinum eine so genannte funktionalisierte Aminosäure. Sie wurde in den 1990er-Jahren primär als antikonvulsive Wirksubstanz in den USA synthetisiert. In späteren Tierversuchen konnte zusätzlich eine antinozizeptive Wirksamkeit bei neuropathischen und chronisch inflammatorischen Schmerzen gezeigt werden.

Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA lehnte jedoch im Juli 2008 einen Zulassungsantrag des Herstellers UCB für die Schmerzbehandlung bei diabetischer Polyneuropathie ab. Ein entsprechender Zulassungsantrag für die EU wurde im September 2008 zurückgezogen. Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der EMEA schätzte die Wirksamkeit von Lacosamid bei dieser Indikation anhand der vorliegenden Daten als nicht ausreichend belegt ein, so dass eine neue klinische Studie mit dem Wirkstoff erforderlich gewesen wäre.

Als Antikonvulsivum erhielt Lacosamid im August 2008 die Zulassung von der EMEA. Das neue Arzneimittel darf verordnet werden für die Zusatzbehandlung fokaler Anfälle mit und ohne sekundäre Generalisierung bei Epilepsiepatienten ab 16 Jahren.

Klinik

Krankheitsbild

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Die Epilepsie, im Volksmund auch als Fallsucht oder Krampfleiden bezeichnet, ist eine chronisch rezidivierende Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie ist charakterisiert durch spontan auftretende Krampfanfälle als Folge einer unkontrollierten Entladung von Neuronengruppen im Gehirn, die letztendlich auf eine Übererregbarkeit einzelner Neurone und einem Ungleichgewicht zwischen exzitatorischer und inhibitorischer Neurotransmission zurückgeführt wird.

Als die beiden Hauptanfallsformen werden idiopathisch generalisierte Epilepsien und Epilepsien fokalen (partiellen) Ursprungs unterschieden, wobei letztere sekundär generalisieren können. Die Diagnose „Epilepsie“ erfolgt erst nach wiederholtem Auftreten epileptischer Anfälle. Ihr werden Anamnese, Fremdanamnese, neurologische Untersuchungen, EEG- und MRT-Befunde sowie seltener Laboruntersuchungen einschließlich genetischer Testung zugrunde gelegt.

Epidemiologie

Die Epilepsie gehört zu den häufigsten chronisch neurologischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Mit einer Prävalenz von 0,4 bis 1 Prozent in der Bevölkerung werden für Deutschland ungefähr 400 000 bis 800 000 Betroffene geschätzt. Dabei ist die Zahl der Neuerkrankungen (Inzidenz) innerhalb der Bevölkerung stark vom Lebensalter abhängig. Bei der Hälfte aller Betroffenen tritt die Erkrankung vor dem zehnten Lebensjahr ein, bei zwei Drittel vor dem 20. Lebensjahr. Die mittlere jährliche Inzidenzrate liegt bei 0,04 Promille, so dass im Jahr in Deutschland von etwa 30 000 Neuerkrankungen ausgegangen wird.

Therapie

Bei der Behandlung der Epilepsie steht die medikamentöse Therapie an erster Stelle. Das Ziel besteht in einer Verminderung der Anfallsfrequenz bzw. in dem Erreichen einer dauerhaften Anfallsfreiheit und einer damit einhergehenden Steigerung der Lebensqualität der Patienten.

Als Angriffspunkte für Antiepileptika dienen unterschiedliche molekulare Targets wie spannungsabhängige Ionenkanäle (Na-, Ca- und K-Kanäle), ligandengesteuerte Ionenkanäle (GABA-, NMDA-, und AMPA-Rezeptoren), Neurotransmitter-Transporter sowie Enzyme des Neurotransmitter-Metabolismus. Es stehen hierfür zahlreiche verschiedene Wirkstoffe zur Verfügung.

Zu den bereits lang bekannten Antiepileptika der ersten Generation zählen Valpoinsäure, Carbamazepin und Phenytoin. Sie sind bis heute Mittel der Wahl für unterschiedliche Epilepsieformen in der Mono- und der Add-on-Therapie. Die intensive Erforschung und Aufklärung neurobiologischer Moleküle und Vorgänge haben zu Beginn der 1990er-Jahre zur Entwicklung der Antiepileptika der zweiten Generation geführt, zu denen Felbamat, Vigabatrin, Lamotrigin, Gabapentin, Topiramat, Tiagabin, Oxacarbazepin, Levetiracetam, Pregabalin und Zonisamid gehören.

Hierdurch sind die Behandlungsoptionen stark verbessert worden, da sie häufig im Vergleich mit den Substanzen der ersten Generation günstigere pharmakokinetische und pharmakodynamische Parameter aufweisen und damit über ein günstigeres Nebenwirkungsprofil verfügen. Dennoch kann bislang noch nicht für alle Patienten eine zufriedenstellende Anfallskontrolle medikamentös erzielt werden. Weiterentwicklungen von Arzneistoffen aus der zweiten Generation, so genannte „Follow-upcompounds“, aber Wirkstoffe mit innovativen chemischen Strukturen und Wirkmechanismen, zu den denen auch Lacosamid zählt, sollen hier weitere Therapiemöglichkeiten schaffen.

Dr. rer. med. Claudia Hübner (huebner_cl@web.de), Quelle: - Fachinformationen Vimpat® 50 Milligramm / 100 Milligramm / 150 Milligramm / 200 Milligramm Filmtabletten, Vimpat® 10 Milligramm/ml Infusionslösung, Vimpat® 15 Milligramm/ml Sirup, Stand August 2008. - European Medicines Agency (EMEA): Europäischer Beurteilungsbericht (EPAR) Vimpat: Zusammenfassung des EPAR für die Öffentlichkeit: EMEA/H/C/863: http://www.emea.euroa.eu. - Dodel, R. et al: Die Kosten der Epilepsie in Deutschland: Gesundheitsökonomische Evaluationen einer chronischen Krankheit. In: Pharmazie in unserer Zeit, Heft 36, 4/2007, S. 298 – 305.

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