Zertifizierte Fortbildung: Der Wirkstoff Agomelatin

Therapie
Allgemein hat eine antidepressive Therapie das Ziel, die depressive Symptomatik zu vermindern bzw. zu beseitigen, die Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung wiederherzustellen sowie die Mortalität durch Suizid zu verringern und Rezidive zu verhindern.

Als therapeutische Maßnahmen stehen in der Hauptsache die Pharmakotherapie und die Psychotherapie (insbesondere Verhaltenstherapie, interpersonelle Therapie) zur Verfügung. Sie kommen je nach Schweregrad und Verlauf der Erkrankung einzeln oder auch in Kombination zur Anwendung. Nicht medikamentöse Behandlungsverfahren, wie z. B. die Elektrokonvulsionstherapie oder die Lichttherapie stellen ergänzende Therapieoptionen dar.

Während im Falle einer leichten Depression für etwa zwei Wochen eine aktiv-abwartende Begleitung („watchful waiting“) ausreichend sein kann, sollte mit zunehmendem Schweregrad des depressiven Syndroms an erster Stelle eine Pharmakotherapie erfolgen. Bis auf wenige Ausnahmen lassen sich die derzeit auf dem Markt verfügbaren Antidepressiva pharmakologisch den unselektiven Monoamin-Wiederaufnahmehemmern (z. B. Amitriptylin), den selektiven Serotonin- und/ oder Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (z. B. Citalopram, Venlafaxin, Reboxetin), den Monoaminoxidaseinhibitoren (z. B. Moclobemid) und den α2-Antagonisten (z. B. Mirtazapin) zuordnen.

Unterschiede in der antidepressiven Wirksamkeit der einzelnen Substanzen konnten bislang nicht nachgewiesen werden. Bei der Auswahl eines bestimmten Antidepressivums sollten daher andere Kriterien, wie z. B. das Neben- und Wechselwirkungsprofil des Arzneimittels, Komorbidität und -medikation des Patienten, eine erwünschte Sedierung oder Antriebssteigerung, sowie der Patientenwunsch bzw. die Kosten etc. berücksichtigt werden.

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Das Komitee für Humanarzneimittel (CHMP) der EMEA kam in seiner Bewertung zu dem Schluss, dass die Wirksamkeit von Agomelatin im Vergleich zu anderen Antidepressiva als vermutlich geringer einzustufen ist. Dennoch kann das Medikament eine wertvolle Behandlungsoption für manche Patienten darstellen, solange häufige Kontrollen der Leberfunktion gewährleistet sind.

Klinische Studien

In sechs placebokontrollierten Kurzzeitstudien über sechs bis acht Wochen wurde die Veränderung des Wertes auf der Hamilton depression rating scale (HAM-D) als primärer Endpunkt definiert. Die Ergebnisse fielen sehr heterogen aus. 25 bis 50 mg Agomelatin senkten in drei Studien, wobei es sich in einem Fall um eine Dosisfindungsstudie handelte, den HAM-D17-Wert signifikant stärker als Placebo. Diese Wirksamkeit konnte auch bei Patienten mit schwerer Depression nachgewiesen werden.

In drei weiteren unveröffentlichten Studien wurde die Wirksamkeit von Agomelatin im Vergleich zu Placebo und einem Antidepressivum (Paroxetin oder Fluoxetin) untersucht. Agomelatin war hier nicht besser wirksam als Placebo. In zwei dieser Studien zeigten allerdings auch die aktiven Kontrollsubstanzen in ihrer Wirksamkeit keinen signifikanten Unterschied zu Placebo. In einer weiteren Kurzzeitstudie schnitt Agomelatin in Bezug auf die antidepressive Wirksamkeit bei Über-60-Jährigen nicht besser ab als Placebo.

Weiterhin wurden in einer sechswöchigen Studie 313 Patienten mit 25 bis 50 mg Agomelatin oder 50 bis 100 mg Sertalin behandelt. Primärer Endpunkt dieser Studie war die Wirkung der beiden Substanzen auf den Ruhe-Aktivität-Zyklus. Zusätzlich wurde die antidepressive Wirksamkeit gemessen. Agomelatin senkte den mittleren HAM-D17-Wert signifikant stärker als Sertralin. In zwei randomisierten, multizentrischen Langzeitstudien über 34 Wochen wurde untersucht, ob Agomelatin nach erfolgreicher Behandlung in der Akutphase das Wiederauftreten der Erkrankung verhindern kann. In einer Studie konnte nach Gabe von Agomelatin in der Vorbeugung eines Rückfalls kein Unterschied im Vergleich zu Placebo nachgewiesen werden.

Anders stellen sich die Ergebnisse einer Präventionsstudie mit 339 Patienten dar. Es wurde gezeigt, dass unter Behandlung mit Agomelatin lediglich 20,6 Prozent der Patienten einen Rückfall erlitten, während der Anteil in der Placebo-Gruppe mit 41,4 Prozent deutlich höher lag. Ein Großteil dieser Studienteilnehmer (>80 Prozent) war schwer depressiv (HAM-D ≥ 25). Unter 4068 Studienteilnehmern, die mit Agomelatin behandelt wurden, kam es mit einer Inzidenz von 1,04 Prozent bzw. 1,39 Prozent (25 mg bzw. 50 mg Agomelatin) zu einer mehr als dreifachen Erhöhung der Transaminasewerte.

Der Mechanismus der Leberschädigung durch Agomelatin ist bislang unbekannt, daher hat sich der Hersteller verpflichtet, die Inzidenz dieser Schädigungen und mögliche Risikofaktoren in weiteren Studien zu untersuchen. In der Fachinformation wird darauf hingewiesen, dass die Leberfunktion in definierten Zeitabständen zu überprüfen ist, eine eingeschränkte Leberfunktion stellt eine Kontraindikation für die Anwendung dar.

Die bislang vorliegenden Studien zeigen, dass Agomelatin ansonsten gut verträglich ist, nach Einnahme konnten am häufigsten Übelkeit und Schwindel beobachtet werden. Die Nebenwirkungen traten zumeist in den ersten beiden Behandlungswochen auf und waren leicht bis mäßig ausgeprägt. Körpergewicht, Herzfrequenz, Blutdruck und die sexuelle Funktion wurden nicht beeinflusst.

Dr. Katja Steinkamp-Fenske ( katja.steinkamp@gmx.de)

Diesen Artikel finden Sie in APOTHEKE + MARKETING 03/2010 auf Seite 44 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.

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