Mit Erfahrung und Intuition zur Entscheidung
Wie viele Entscheidungen die bevorstehende Fußball-WM den Referees abverlangt, lässt sich allenfalls schätzen – einige Tausende jedoch dürften es auf jeden Fall sein. Urs Meier weiß, was da auf seine ehemaligen Kollegen zukommt: Bis zum Jahr 2004 war er als Profi-Schiedsrichter in den Stadien dieser Welt zu Hause, heute gibt er das Wissen und die Erfahrungen, die er daraus gewinnen konnte, weiter – auch im Rahmen von Vorträgen für Apotheker.
Man muss kein Fußballfan sein, um den Herren in Schwarz, die da auf dem Rasen für Ordnung sorgen, abzunehmen, dass sie Führungsqualität besitzen: Wer bei Fernsehübertragungen die Gesichter und Gesten der Schiedsrichter beobachtet, ahnt, welche Erfahrung nötig ist, um in jeder Situation richtig zu entscheiden.
Erfahrungen als Basis der Entscheidung
Erfahrungen gehören für Urs Meier denn auch zu den wichtigsten Voraussetzungen, um Entscheidungen zu fällen: Je mehr Erfahrungen wir gesammelt hätten, umso besser könnten wir die Dimensionen einer Entscheidung erfassen, so Meier. Außerdem ließe sich damit die Souveränität im Umgang mit neuen Situationen erhöhen.
Warum aber sollten Unternehmer, warum sollten Apotheker sich in Sachen Entscheidungsfindung ausgerechnet bei Schiedsrichtern etwas abgucken können?
Mehr als „linke Ecke – rechte Ecke“
Entscheidungen beim Fußball zu fällen – dies scheine manchem recht simpel, sagt Urs Meier: „linke Ecke, rechte Ecke, gelbe Karte, rote Karte“ – das war’s. Oder doch nicht? Fünf bis sechsmal pro Minute müsse der Referee (richtig) entscheiden und dies zweimal 45 Minuten lang. Das fordert die Entscheidungsfähigkeit, lehrt, unter Druck zu agieren, schafft Erfahrungen, die auch in anderen Lebenssituationen hilfreich sein können. In der Europameisterschaft 2000 beispielsweise hatte ein Schiedsrichter in jedem Spiel insgesamt bis zu 300 Entscheidungen zu fällen – davon etwa die Hälft e sichtbare Entscheidungen.
Doch dieser Zwang zur permanenten Entscheidung hat auch seinen Preis: „Wichtige Entscheidungen hinterlassen im Körper Spuren“, weiß Meier; die Pulsfrequenz eines Schiedsrichters, aufgezeichnet während eines Spiels, ist nur ein Beleg dafür.
Einen anderen liefert eine der Spielszenen, die Meier immer wieder per Video in seinen Vortrag einstreut: „Wollen Sie in dieser Situation mit elf Engländern diskutieren?“ Eine Frage, die wohl keiner der Zuhörer an diesem Abend so richtig gerne mit ja beantwortet hätte.
Was Führungskräfte auszeichnet
„70-prozentige Entscheidungen gibt es nicht“
Aber ums Diskutieren geht es im Umfeld von Entscheidungen im Allgemeinen auch nicht. Von einer Führungskraft – und eine solche ist jeder Schiedsrichter – würden nun mal klare Entscheidungen erwartet: „Null oder 100, es gibt keine 70-prozentigen Entscheidungen“, bringt Meier es auf den Punkt.
Gabi Kannamüller | am-redaktion@springer.com
Diesen Artikel finden Sie in APOTHEKE + MARKETING 06/2010 auf Seite 40 f. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
