Zertifizierte Fortbildung: Der Wirkstoff Degarelix

Das Prostatakarzinom ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes in Deutschland. Die Erkrankung kann im Frühstadium durch Behandlungen wie Operation oder Strahlentherapie noch gut geheilt werden. In fortgeschrittenen Stadien wird zudem eine Behandlung angewandt, die eine Testosteronfreisetzung unterbindet. Ein neuer Wirkstoff, der an dieser Stelle ansetzt, wurde im letzten Jahr zugelassen.

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Jährlich erkranken etwa 58 000 Männer an diesem Tumor. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 69 Jahren. Hat sich der Tumor dabei bereits in umliegendes Gewebe ausgebreitet oder haben sich Metastasen in Lymphknoten oder Knochen gebildet, wird zusätzlich zu Operation und/oder Strahlentherapie eine Hormonbehandlung notwendig. Bisher finden in der Behandlung des metastasierenden Prostata- und Mammakarzinoms hauptsächlich Gonadotropin-Releasinghormon-Agonisten (GnRH-Agonisten) Anwendung. Einen Fortschritt erbrachte 2008 der GnRH-Antagonist Abarelix (Handelsname Plenaxis®) mit der unterdrückenden Wirkung der Testosteronfreisetzung.

Seit Juni 2009 steht nun als Therapiealternative ein weiterer Antagonist mit veränderter Struktur dem deutschen Markt zur Verfügung. Der neue Wirkstoff Degarelix (Handelsname Firmagon®, Ferring Arzneimittel) unterliegt der Verschreibungspflicht und ist zur Behandlung von Männern mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom als Injektionslösung zugelassen.

Medizinische Chemie

Degarelix ist chemisch gesehen ein synthetisches Dekapeptid, das als Gonadotropin-Releasing-Hormon-Antagonist (GnRH-Antagonist) wirkt. Es besitzt im Vergleich zum körpereigenen Gonadorelin (Gonadotropin-Releasing-Hormon) eine abgewandelte Aminosäure-Struktur. Die Substitution durch D-Aminosäuren erhöht die Aktivität und Wirkdauer am Gonadotropin-Releasing-Rezeptor. Im Präparat Firmagon® liegt Degarelix als Acetat vor.

Wirkmechanismus
Die Testosteronproduktion unterliegt dem hormonellen Regelkreis und wird über die Peptidhormone GnRH (Gonadotropin-Releasing Hormon) und LH (luteinisierendes Hormon) reguliert.

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GnRH stimuliert die Freisetzung von LH und weiterer Follikel-Stimulierender Hormone (FSH) aus der Hypophyse. LH regt die Testosteronsynthese an. Testosteron bindet in der Prostata an die Androgenrezeptoren und wird in 5α-Dihydrotestosteron umgewandelt, welches eine höhere Bindungsaffinität zu den Androgenrezeptoren besitzt. Testosteron fördert die Proliferation von Tumorzellen in der Prostata.

Degarelix greift in den hormonellen Zyklus ein. Der Wirkstoff bindet selektiv und reversibel an die Rezeptoren des GnRH in der Hypophyse. Infolgedessen wird die Freisetzung der Gonadotropine (LH, FSH) rasch gehemmt. Testosteron wird reduziert in die Hoden ausgeschüttet und der hormonabhängige Tumor nur noch eingeschränkt mit Testosteron versorgt (Androgendeprivation).

Der Vorteil des Antagonisten gegenüber den Agonisten besteht darin, dass es nach Therapiebeginn nicht zu einem vorübergehenden Anstieg des Serum-Testosteron-Wertes kommt, der so genannte Testosteron-Surge also ausbleibt. Der Testosteronspiegel im Serum sinkt ähnlich wie bei einer chirurgischen Entfernung der Hoden, einer Orchiektomie, innerhalb weniger Tage deutlich und lang anhaltend ab. Nebenwirkungen wie Knochenschmerzen, Brustschmerzen oder Miktionsbeschwerden sind nicht zu erwarten. Bei regelmäßiger Anwendung kommt es zu einer anhaltenden reversiblen Testosteronsuppression.

Carina Morgenstern | carina.morgenstern@gmx.net

Diesen Artikel finden Sie in APOTHEKE + MARKETING 08/2010 auf Seite 42 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.

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