Schilddrüse: Kleines Organ, große Wirkung

Obwohl die Schilddrüse im Körper nur wenig Raum einnimmt, entfalten ihre Hormone weitreichende Wirkungen. Sie sorgen dafür, dass Nerven- und Muskelsystem reibungslos funktionieren und das Herz im Rhythmus schlägt. Weil das fein austarierte Zusammenspiel der Schilddrüsenhormone sehr störanfällig ist, kommt es bei vielen Menschen im Laufe des Lebens zu Entgleisungen.

Die Schilddrüsen-Initiative Papillon gibt auf ihrer Homepage www.schilddruese.de an, dass jeder dritte erwachsene Bundesbürger, ohne sich dessen bewusst zu sein, krankhafte Veränderungen an der Schilddrüse hat. Häufigste Erkrankung, so die Initiative, ist eine vergrößerte Schilddrüse, der Kropf (med.: Struma).

Besonders in jodarmen Gebieten wie den Alpen gehörte die Struma früher zu den ganz alltäglichen Erscheinungen. Nahezu alle Schilddrüsenerkrankungen lassen sich heute gut mit Medikamenten behandeln oder durch entsprechende Vorsorgemaßnahmen rechtzeitig erkennen bzw. verhindern.

Komplexer Regelkreis

Obwohl die Schilddrüse ein recht kleines Organ ist, hat sie für das einwandfreie Funktionieren des Stoffwechsels große Bedeutung. Spezielle Schilddrüsenzellen, die Thyreozyten, produzieren zwei wichtige Hormone: L-Thyroxin und Trijodthyronin. Ferner stellt sie das an der Regulation des Ca2+- Blutspiegels beteiligte Hormon Calcitonin her.

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L-Thyroxin und Trijodthyronin leiten sich von der Aminosäure Tyrosin ab und unterscheiden sich chemisch nur in der Anzahl der gebundenen Jodatome. Das auch als Tetrajodthyronin (T4) bezeichnete L-Thyroxin bindet vier, die eigentliche Wirkform, das Trijodthyronin (T3), drei Jodatome. Die Produktion von T3 und T4 überwachen die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und der Hypothalamus. Beide sind Teil eines hormonellen Regelkreises, der über einen Rückkopplungsmechanismus eine kontrollierte Abgabe der Schilddrüsenhormone gewährleistet.

Dabei unterliegt die Bildung der Schilddrüsenhormone dem Prinzip der negativen Rückkopplung: Bei niedrigen T3- oder T4-Spiegeln schüttet der Hypothalamus Thyreotropin-Releasing- Hormon (TRH) aus, das den Hypophysenvorderlappen stimuliert, Thyrotropin (Thyreoidea-stimulierendes Hormon, TSH) in die Blutbahn abzugeben. TSH reguliert unter anderem die Aufnahme von Jod in die Thyreozyten und damit die Bildung von T3 und T4. Hohe Spiegel dieser Hormone drosseln wiederum die TRH-Ausschüttung und somit ihre eigene Bildung.

Überflüssig wie ein Kropf

Das ausgeklügelte hormonelle Zusammenspiel kann durch externe oder interne Einflüsse leicht aus dem Lot kommen. Um die Schilddrüsenhormone zu bilden, benötigt der Organismus das Spurenelement Jod. Er kann es nur in Form von Jodverbindungen wie Jodid und Jodat aufnehmen. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird vereinfacht, chemisch aber nicht korrekt, vom Jodgehalt in der Nahrung bzw. von Jodmangel gesprochen.

Fehlt Jod, beginnt das Schilddrüsengewebe zu wuchern und bildet einen Kropf. Niedrige T3- und T4-Spiegel stimulieren die TSH-Sekretion, was die Schilddrüse veranlasst, sich insgesamt (diffus) oder partiell (Knoten) zu vergrößern. Glücklicherweise sind ausgeprägte Kröpfe bei der jüngeren Generation selten geworden.

Dennoch hat jeder dritte Deutsche pathologische Veränderungen, bei Frauen ab 45 Jahren ist es sogar jede zweite. Dies zeigte die 2002 begonnene Papillon-Studie, eine an fast 100 000 Berufstätigen von der Schilddrüsen-Inititative durchgeführte Untersuchung. Je älter die Studienteilnehmer waren, desto eher war ihre Schilddrüse auffällig. Besonders dann, wenn sie längere Zeit in einem Jodmangelgebiet gelebt hatten. Eine epidemiologische Studie in Mecklenburg-Vorpommern fand beispielsweise bei einem Screening von gesunden Probanden zwischen 45 und 74 Jahren bei 36 Prozent Strumaknoten als Folge einer jahrzehntelangen Unterversorgung.

Erst in den vergangenen Jahren hat sich die Jodversorgung in Deutschland verbessert. Während die tägliche Zufuhr 1992 noch bei 60 Mikrogramm lag, ist sie mittlerweile auf durchschnittlich 120 Mikrogramm angestiegen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat vor kurzem erklärt, dass Deutschland nicht mehr zu den Jodmangelgebieten zählt. Doch von der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlenen Tageszufuhr von 180 bis 200 Mikrogramm Jod für Jugendliche und Erwachsene ist man hierzulande immer noch weit entfernt.

Während eine Struma früher in erster Linie mit L-Thyroxin behandelt wurde, hat sich inzwischen eine Monotherapie mit 200 Mikrogramm Jod durchgesetzt. Es zeigte sich, dass sich die Schilddrüse nach einer Therapie mit L-Thyroxin deutlich schneller wieder vergrößert als nach einer Jod-Behandlung.

Knotenbildung

Bleibt eine Struma lange Zeit unbehandelt, können in der vergrößerten Schilddrüse heiße und kalte Knoten entstehen. Kalte Knoten sind funktionslose Gewebeveränderungen aus flüssigkeitsgefüllten Hohlräumen (Zysten), die keine Hormone bilden. Als heiße Knoten oder „autonome Adenome“ werden Gewebeveränderungen bezeichnet, die unkontrolliert Hormone ausschütten und somit einer Überfunktion der Schilddrüse den Boden bereiten.

Hannelore Gießen

Diesen Artikel finden Sie in DAS PTA MAGAZIN 04/2009 auf Seite 10 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.

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