Lippenherpes: Das große Kribbeln
Wer einmal einen Lippenherpes hatte, muss damit rechnen, dass er diesen immer wieder bekommt. Grund dafür ist die Eigenschaft des Herpes-simplex-Virus, sich nach der Erstinfektion im Körper zu „verstecken“ und unter bestimmten Bedingungen wieder aktiv zu werden. Eine kausale Therapie gibt es bisher nicht: jedoch eine Vielzahl rezeptfreier Präparate, die Dauer und Ausmaß der akuten Beschwerden mindern.
Am häufigsten tritt der Lippenherpes am Lippenrand auf. Er kann aber auch andere Stellen des Gesichts befallen, beispielsweise die Nase oder die Wangen. Typische Vorboten sind Jucken, Brennen und Spannen des betroffenen Areals. Schon wenige Stunden später zeigen sich in Gruppen auftretende, äußerst schmerzhafte Bläschen, gefüllt mit klarer Flüssigkeit. Auch wenn die Hautläsionen in aller Regel harmlos sind und spätestens nach etwa zwei Wochen wieder verschwinden, setzen sie die Betroffenen unter einen enormen Leidensdruck.
Gründe dafür sind nicht nur die Schmerzen, sondern viel mehr die Tatsache, dass die Bläschen im Gesicht auftreten und dort kosmetisch äußerst störend sind. Die Betroffenen fühlen sich unattraktiv und haben Angst, von ihren Mitmenschen abgelehnt zu werden. Verantwortlich für die lästigen Beschwerden ist die Reaktivierung eines im Körper „schlafenden“ Erregers: das Herpes-simplex-Virus.
Die Großfamilie der Herpesviren
Humanpathogene Herpesviren (Herpesviridae) sind auf der ganzen Welt verbreitet. Sie bestehen aus drei Subfamilien: Zu den Alphaherpesvirinae gehören Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1), Herpes-simplex-Virus Typ 2 (HSV-2) sowie Varicella-Zoster-Virus, zu den Betaherpesvirinae Zytomegalievirus sowie Herpesvirus 6 und 7, zu den Gammaherpesvirinae Epstein- Barr-Virus und Herpesvirus 8. Allen ist gemeinsam, dass sie sich nach der Erstinfektion im Organismus „verstecken“ und zu einem späteren Zeitpunkt eine Zweitinfektion hervorrufen können. Der Lippenherpes (Herpes labialis), ausgelöst durch das Herpes-simplex-Virus, ist die am häufigsten auftretende Zweitinfektion. Eine weitere bekannte Zweitinfektion ist die Gürtelrose (Herpes zoster), für die das Varicella-Zoster- Virus (VZV) verantwortlich ist.
Wandern des Virus
HSV-1 gehört zu den Krankheitserregern, mit denen der Mensch am häufigsten in Kontakt kommt. Entsprechend hoch ist die Durchseuchung der Bevölkerung. Mindestens 90 Prozent aller Erwachsenen sind Träger des HSV-1, das für den Lippenherpes hauptverantwortlich ist. Die Erstinfektion erfolgt in der Regel schon in der Kindheit (bis zum 6. Lebensjahr). Sie verläuft meist symptomlos und bleibt daher unbemerkt. In einigen Fällen äußert sie sich dagegen als Mundfäule (Gingivostomatitis herpetica).
Die Übertragung von HSV-1 erfolgt direkt durch Kontakt (z. B. Küssen) mit einer bereits infizierten Person oder indirekt durch Gegenstände (z. B. Gläser, Besteck), die ein Herpesvirusträger zuvor benutzt hat. Nach der Erstinfektion wandert das HSV- 1 von seiner Eintrittspforte – üblicherweise die Haut oder Schleimhaut im Gesichtsbereich – über Nervenbahnen zu den Nervenknoten (Ganglien). Dort fällt das Virus in eine Art „Schlaf“, aus dem es unter bestimmten Bedingungen „geweckt“ werden kann.
Dann vermehrt es sich und wandert entlang der Nervenbahnen zurück an die Oberfläche seiner Eintrittspforte, wo es zum Lippenherpes mit seinen schmerzhaften Bläschen führt. Erwähnenswert ist, dass ein Lippenherpes auch durch HSV-2, den Hauptauslöser des Herpes genitalis, verursacht werden kann. Die Durchseuchung der Bevölkerung mit HSV-2 liegt bei etwa 20 bis 25 Prozent. Umgekehrt kann ein Herpes genitalis auch durch HSV-1 hervorgerufen werden.
Immunabwehr entscheidet mit
Etwa bei einem Drittel der Träger des HSV-1 kommt es mehr oder weniger häufig zu einem Lippenherpes, schlimmstenfalls jeden Monat. Die Mechanismen, die dazu führen, sind noch nicht vollständig geklärt. Als gesichert gilt, dass eine vorübergehende Schwäche der Immunabwehr eine wichtige Rolle spielt. Hierzu können die unterschiedlichsten inneren und äußeren Faktoren beitragen: vor allem körperliche oder seelische Belastungen, Ekel, Schlafmangel, intensive Sonnenbäder, fieberhafte Infekte (daher auch Fieberbläschen genannt), zahnärztliche Eingriffe, kalte Außentemperaturen sowie hormonelle Einflüsse während des weiblichen Monatszyklus. Das Erkennen und Vermeiden (sofern möglich) der genannten Auslöser sind die wichtigsten Maßnahmen zur Prophylaxe des Lippenherpes.
Symptome in fünf Stadien
Der Lippenherpes zeigt einen charakteristischen Verlauf, weshalb die (Selbst)Diagnose in aller Regel einfach ist: Stadium 1 dauert wenige Stunden bis zwei Tage. Typische Zeichen sind Kribbeln, Brennen und/oder Spannen, eventuell auch eine Rötung im betroffenen Areal. In Stadium 2 erscheinen die typischen, schmerzhaften Bläschen, gefüllt mit klarer Flüssigkeit und unzählbar vielen Herpesviren (Cave: höchste Ansteckungsgefahr!).
Stadium 3 verläuft extrem schmerzhaft. Um die Bläschen herum zeigt sich ein roter Rand, bedingt durch Entzündungsreaktionen. Beim Berühren platzen die Bläschen sehr leicht auf. Im Stadium 4 bilden die Bläschen eine trockene Kruste, die beim Sprechen oder Essen schmerzhaft und blutend aufreißen kann. Als Stadium 5 wird das Abheilen der Bläschen bezeichnet. Insgesamt ergeben die fünf Stadien eine Krankheitsdauer von etwa zehn bis zu 14 Tagen. Die Dauer und das Ausmaß der Beschwerden können durch geeignete Behandlungsmaßnahmen verringert werden.
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Dr. Ute Koch
Diesen Artikel finden Sie in DAS PTA MAGAZIN 07/2009 auf Seite 10 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
