Dem Alltag die Schwere nehmen
Für ältere und multimorbide Menschen ist es oftmals schon eine Herausforderung, den Knopf von Bluse oder Hemd zu schließen. Was in jüngeren Jahren mühelos bewältigt wurde, benötigt nun eine enorme Kraftanstrengung. Verschiedene Hilfsmittel können dazu beitragen, den täglichen Kampf mit Messer, Gabel, Kleidung und Kleingedrucktem besser zu meistern.
Wie wird es wohl sein, wenn im Alter Arme, Beine und Gelenke nicht mehr so wollen, wie man selbst will? Welche Einschränkungen bringt es mit sich, wenn die Sehkraft nachlässt und das Hören immer schwieriger wird? Wie lässt sich der Alltag mit Händen meistern, welche durch Rheuma deformiert sind?
Selbst wer ein hohes Maß an Empathie besitzt, wird sich diese Situationen nur schwer vorstellen können. Vielfach wird älteren und chronisch kranken Menschen daher mit der Einstellung begegnet „Die sollen sich nicht so anstellen. Es wird schon nicht so schlimm sein.“
Um dies zu ändern, und um ein Bewusstsein für die Alltagsprobleme älterer und multimorbider Personen zu schaffen, gibt es das Unterrichtskonzept „Instant aging“.
Die Selbsterfahrung des Alters
„Instant aging“ bedeutet so viel wie „Selbsterfahrung des Alters“. Das Konzept stammt aus dem englischsprachigen Raum und wird dort seit langem in der Ausbildung von Pflegekräften, Ergotherapeuten und angehenden Medizinern eingesetzt. Seit ein paar Jahren wird es auch in Deutschland genutzt.
Medizinstundenten erfahren zum Beispiel am eigenen Leib, was es heißt, unter den Spätfolgen eines Diabetes mellitus zu leiden. So simuliert die mit Vaseline beschmierte Brille die durch eine diabetische Retinopathie entstandene Sehbeeinträchtigung. Kunststoffhandschuhe, in deren Fingerspitzen Watte steckt, minimieren den Tastsinn und stellen diabetesbedingte Nervenschädigungen (Polyneuropathie) nach.
So ausstaffiert, müssen fünf Tropfen eines Arzneimittels auf einen Teelöffel gegeben werden. Um die Beschwerden einer schweren Rheumaerkrankung nachvollziehbar zu machen, werden Erbsen in die Schuhe gefüllt, die jeden Schritt zur Qual werden lassen. Die bandagierten Knie und durch Klebeband versteiften Fingergelenke sind kaum zu beugen. Auf diese Weise „ausgestattet“ müssen Alltagstätigkeiten wie Treppensteigen oder ein Brot schmieren ausgeübt werden.
Einfache Abläufe, über die der gesunde Mensch normalerweise nicht einmal nachdenkt, werden so zur Geduldsprobe. Die Erfahrungen aus derartigen Selbstversuchen dienen aber nicht nur dem persönlichen Weiterkommen. Sie fließen auch ein in die Entwicklung von geriatrischen Hilfsmitteln.
Kirsten Grashoff
Diesen Artikel finden Sie in DAS PTA MAGAZIN 02/2010 auf Seite 54 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
