Kinderkrankheiten – Der Nachwuchs brütet etwas aus
Embryopathie gefürchtet
Gefürchtet ist in erster Linie eine Schädigung des Ungeborenen bei Infektion der Mutter in der Schwangerschaft (Embryopathie). Erkrankt eine Schwangere an Ringelröteln, kann das ungeborene Kind eine schwere Blutarmut und Wasseransammlungen im Körper entwickeln, welche aber schon im Mutterleib mit Blutübertragungen therapiert werden können. Eine Impfung gegen die Erkrankung existiert nicht.
Hingegen kann vor einer Embryopathie bei Rubella (Röteln) und Varizellen (Windpocken) mit entsprechenden Impfungen geschützt werden. Zwar verlaufen Röteln beim betroffenen Patienten selber meist unkompliziert. Der typische rote Ausschlag am Rumpf ist nur kurz zu beobachten und bedarf keiner weiteren Therapie. Leichtes Fieber kann mit Antipyretika und eine eventuelle auftretende Bindehautentzündung mit entzündungshemmenden Augentropfen behandelt werden.
Röteln sind aber sehr gefürchtet, weil eine Infektion der nicht immunen Schwangeren mit dem Röteln-Virus zu gravierenden Gesundheitsschäden beim Ungeborenen führen kann. Ebenso kann das die Windpocken-auslösende Varicella-Zoster-Virus schwere Missbildungen beim Embryo oder Feten bewirken. Zudem besteht Lebensgefahr für ein Neugeborenes, wenn es sich unter der Geburt mit Varizellen ansteckt.
Windpocken sind sehr infektiös. Die Viren werden mittels Tröpfcheninfektion, seltener auch durch den Kontakt mit dem Bläscheninhalt, übertragen. Nach einem erkältungsähnlichen Vorstadium zeigt sich ein stark juckender Hautausschlag, wobei rote Flecken, Bläschen und Krusten nebeneinander als „Sternenhimmel“ zu sehen sind. Zinkhaltige Lotionen, Antihistaminika wie Dimetinden und Analgetika lindern Juckreiz, Schmerz und eventuell bestehendes Fieber.
Die STIKO empfiehlt, gegen Windpocken zu impfen, da die Krankheit mit einer hohen Komplikationsrate (z. B. Enzephalitis, Meningitis, bakterielle Superinfektionen) behaftet sind. Besonders gefährlich können die Viren für immunschwache Patienten werden.
Auch nicht ungefährlich
Ebenso existiert eine Impfempfehlung gegen Parotitis epidemica (Mumps), eine schmerzhafte Entzündung der Ohrspeicheldrüsen, da auch sie schwere Komplikationen zur Folge haben kann. Neben einer Meningitis ist besonders die Entzündung der Keimdrüsen ab der Pubertät gefürchtet, die in schweren Fällen zur Sterilität führt.
Geimpft werden sollte ebenfalls gegen Morbilli (Masern). Die hoch ansteckende Kinderkrankheit beginnt mit grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Husten und Schnupfen. Zudem ist sie durch eine Bindehautentzündung und einen charakteristischen, leicht erhabenen roten Hautausschlag gekennzeichnet.
Eine schwere Komplikation ist die Enzephalitis. Da es sich wie bei Mumps um eine Viruserkrankung handelt, können auch die Masern nur symptomatisch behandelt werden. Wochenlange quälende hustenanfälle
Eine der langwierigsten Infektionskrankheiten bei Kindern, die besonders für Neugeborene und Säuglinge bedrohlich werden kann, ist Pertussis (Keuchhusten). Er wird durch Tröpfcheninfektion mit dem Bordetella pertussis-Bakterium hervorgerufen. Das Bakterium bildet Toxine, welche die Schleimhäute der Atemwege schädigen und lokale Entzündungsreaktionen auslösen.
Nach einer symptomfreien Inkubationszeit beginnt die Infektion mit den untypischen Krankheitszeichen einer banalen Erkältung. In diesem Stadium (Stadium catarrhale) wird der Husten selten als Keuchhusten erkannt, allerdings besteht gerade in dieser Zeit die höchste Ansteckungsfähigkeit. Zwei Wochen später folgt das zweite Stadium (Stadium convulsivum) mit typischen stakkatoartigen Hustenanfällen: Besonders in der Nacht machen sich diese bemerkbar durch krampfartige Hustenstöße mit Atemnot, ein hörbares Einziehen der Luft und Auswurf von zähem Schleim.
Solche Anfälle sind besonders für die ganz Kleinen lebensgefährlich, da in den ersten Lebensmonaten die Gefahr von Hirnschädigungen durch Sauerstoffmangel besteht. Bei größeren Kindern kommen Komplikationen wie Pneumonien (Lungenentzündung), Bronchitiden (Entzündung der Bronchien) und Otitis media häufig vor. Nach fünf bis sechs Wochen ist das dritte Stadium (Stadium decrementi) erreicht, und die Hustenattacken nehmen langsam ab.
Möglichst früh immunisieren
Wegen der besonderen Gefährdung in der frühen Kindheit empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO) generell, Impfungen zum frühstmöglichen Zeitpunkt durchzuführen und die Grundimmunsierung in der Regel spätestens bis zum Alter von 14 Monaten zu vollenden. So wird die erste Impfung gegen Tetanus, Diphterie, Pertussis, Haemophilus influenzae Typ b (Hib), Poliomyelitis, Hepatitis B und Pneumokokken ab acht Wochen empfohlen.
Gegen die ersten sechs Infektionen wird eine Kombinationsimpfung angeraten, um die Zahl der Injektionen zu minimieren. Der erste Piks gegen Masern, Mumps, Röteln (MMR) und Varizellen kann in der Regel erst im Alter von elf bis 14 Monaten erfolgen. Vorher ist eine Impfung wegen eines mütterlichen Nestschutzes nicht möglich, denn die in den ersten Lebensmonaten vorhandenen maternalen Antikörper können die Impfviren unwirksam machen. Auch hier existiert eine drei- oder vierfache Kombinationsimpfung (MMR- oder MMR-Varizellen-Impfung).
Eine zweite Impfung sollte bis zum Ende des zweiten Lebensjahres erfolgt sein, um bald einen Impfschutz zu erreichen. Eine Impfung gegen die Meningokokken Typ C, welche für schwere Meningitiden verantwortlich sind, ist ab zwei Monaten möglich und wird als Standardimpfung für alle Kinder ab einem Jahr von der STIKO empfohlen. Spätestens vor dem Schuleintritt sollten die Kinder schließlich vollständig nach den STIKO-Empfehlungen immunisiert sein.
Immer wieder auffrischen
Versäumte Impfungen rät die STIKO, bis zum 18. Lebensjahr nachzuholen, um Erkrankungen im Jugend- und Erwachsenenalter zu vermeiden, da sich bei ihnen die Komplikationen häufen. So bestehen beispielsweise bei der Impfung gegen Meningokokken große Impflücken, da die allgemeine Impfempfehlung erst im Jahre 2006 ausgesprochen wurde. Eine Impfung ist auch noch für Jugendliche sinnvoll, da ein zweiter Erkrankungsgipfel im Alter zwischen 15 und 19 Jahren besteht.
Wichtig ist zudem, notwendige Auffrischimpfungen bei Jugendlichen und Erwachsenen nicht zu vergessen, damit der Immunschutz noch im höheren Lebensalter vorhanden ist. So besteht beispielsweise weder nach durchgemachter Keuchhustenerkrankung noch nach erfolgter Pertussis-Impfung eine lebenslange Immunität.
Wegen der in den letzten Jahren bei Jugendlichen über 15 Jahren und im Erwachsenenalter gehäuft aufgetretenen Keuchhustenfälle sollten nicht nur Kinder und Jugendliche ihre Impfung auffrischen. Auch Erwachsenen wird nach den aktuellen Impfempfehlungen der STIKO geraten, einmalig ihre Auffrischimpfung gegen Tetanus und Diphterie mit einer Impfung gegen die hoch ansteckende Atemwegsinfektion zu ergänzen.
Insbesondere sollten Schwangere und Kontaktpersonen von Neugeborenen und Säuglingen ihren Immunschutz gegen Pertussis komplettieren, um die Kleinen, die gegen Keuchhusten keinen Nestschutz besitzen, nicht anzustecken.
Gegen Poliomyelitis (Polio, Kinderlähmung), einer Infektion des Zentralnervensystems, die wegen einer Zerstörung von Nervenzellen im Rückenmark und Hirnstamm zur Lähmung der Muskulatur führt, wird heute keine routinemäßige Auffrischimpfung mehr empfohlen. Erwachsene, bei denen vier Impfungen im Kindes- und Jugendalter dokumentiert sind, gelten als vollständig immunisiert. Nur bei erhöhtem Infektionsrisiko wie Reisen in Polioendemiegebiete sollte eine Auffrischung erfolgen.
Mit einer Antibiotikagabe (Makrolide über 14 Tage) kann der Krankheitsverlauf im Anfangsstadium verkürzt und gemildert werden. Bei einem späteren Einsatz haben sich die Toxine schon in den Zellen festgesetzt und unterhalten das Krankheitsgeschehen. Dennoch ist diese Medikation auch dann noch sinnvoll, weil damit die Ansteckungsfähigkeit beseitigt und die Komplikationsrate verringert wird. Antitussiva helfen nicht, aber eine Impfung ist möglich.
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Gode Meyer-Chlond
Diesen Artikel finden Sie in DAS PTA MAGAZIN 03/2010 auf Seite 10 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
