Interaktionen mit Johanniskrautextrakt

Wenn sich Kunden in den Herbstund Wintermonaten niedergeschlagen und antriebslos fühlen, fragen sie häufig nach einem Johanniskrautpräparat. Nicht wenige glauben, dass es sich dabei um ein nebenwirkungsarmes, weil pflanzliches Medikament handelt. Doch gerade bei Johanniskrautextrakt ist die Gefahr von Wechselwirkungen mit anderen Arzneistoffen hoch.

© Sean Prior / shutterstock.com

Johanniskrautextrakt kann in der Selbstmedikation zur Behandlung vorübergehender psychovegetativer Störungen, leichter depressiver Verstimmungen und nervöser Angst- und Unruhezustände empfohlen werden (z. B. Laif® 900 Balance, Neuroplant® aktiv).

Präparate mit der Indikation „mittelschwere Depression“ sind seit April 2009 verschreibungspflichtig (z. B. Jarsin® Rx 300 mg). Die Wirkung von Johanniskrautextrakt beruht nach heutigem Erkenntnisstand hauptsächlich auf der Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen verschiedenen Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin, Gamma-Aminobuttersäure (GABA) und Noradrenalin, das bei depressiven Zuständen gestört ist.

Zu den wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffen gehören Naphthodianthrone (z. B. Hypericin), Phloroglucinole (z. B. Hyperforin) und Flavonoide (z. B. Hyperosid). Um Interaktionen zwischen Johanniskrautextrakt und anderen Arzneistoffen zu verhindern, müssen PTA und Apotheker zunächst die aktuelle Medikation des Kunden erfragen. Als nächster Schritt steht die Einschätzung an, wie relevant eine aus der Fachliteratur bekannte Interaktion im konkreten Einzelfall sein könnte und wie sie zu vermeiden ist. Ein Beispiel verdeutlicht, wie dabei vorgegangen werden kann.

Das Fallbeispiel
Eine Stammkundin, die nach einem Schlaganfall mit Phenprocoumon (Marcumar ®) behandelt wird, kommt in die Apotheke und klagt über Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit. Sie hat gehört, dass Johanniskrautextrakt gegen solche Beschwerden helfen soll. Ein unverzichtbares Hilfsmittel beim Aufspüren von Wechselwirkungen ist das Interaktionsmodul der ABDA-Datenbank.

Anzeige

Im konkreten Fall wird nach Eingabe der Begriffe „Johanniskraut“ und „orales Antikoagulanz“ folgende Information ausgegeben: „Bei gleichzeitiger Behandlung mit Johanniskrautextrakten kann die blutgerinnungshemmende Wirkung der oralen Antikoagulanzien im Verlauf einiger Tage vermindert werden, so dass Thrombosegefahr besteht.“

Der Hintergrund
Inhaltsstoffe des Johanniskrautextraktes regen die Bildung (Induktion) verschiedener Enzyme des Cytochrom P 450-Systems (CYP-System) in der Leber sowie die Bildung des Transportproteins P-Glykoprotein (z. B. in der Darmwand vorhanden) an. So konnte beispielsweise für Hyperforin eine CYP- 3A4-Induktion nachgewiesen werden. Das bedeutet: Unter dem Einfluss von Johanniskraut extrakt wird die produzierte Enzymmenge erhöht. Die Folgen sind ein schnellerer Abbau und eine raschere Ausscheidung von Wirkstoffen, die diese Stoffwechselwege nutzen; in unserem Fallbeispiel die oralen Antikoagulanzien. Ihre Wirksamkeit verringert sich.

Dr. Claudia Bruhn

Diesen Artikel finden Sie in DAS PTA MAGAZIN 03/2010 auf Seite 74 f. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.

Inhalte durchsuchen

Titelseite

Mehr zum Thema

Diesen Artikel finden Sie in DAS PTA MAGAZIN 03/2010 auf Seite 74 f.

Blättern: Seite 72  –  Seite 76-77

Verwandte Artikel auf springer-gup.de

Artikel-Downloads

Premium-Login

Im Premium-Bereich gelangen Sie zu den Fortbildungen und Ihren Zertifikaten.
Abonnenten haben zusätzlich Zugriff auf sämtliche Heftinhalte.

Aktionen

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie Fachinformationen künftig frei Haus – wöchentlich und kostenlos.

Jobs für PTA und Apotheker

Den Stellenmarkt für PTA und Apotheker gibt es ab sofort auf jobcenter-medizin.de.