Chronopharmakologie: Alles zu seiner Zeit
Morgens ist der Blutdruck höher als am Abend, bei der Körpertemperatur ist es umgekehrt. Fast alle physiologischen Funktionen folgen einem biologischen Rhythmus. So überrascht es nicht, dass auch viele Arzneimittel je nach Tageszeit stärker oder schwächer wirken und verstoffwechselt werden. Ein eigener Forschungszweig geht diesen Unterschieden nach: die Chronopharmakologie.
Die Anfänge dieses Zweiges der Pharmakologie liegen lange zurück: Schon im 18. Jahrhundert fiel Christoph Wilhelm Hufeland auf, dass der Verlauf zahlreicher Erkrankungen tages- und jahreszeitlichen Schwankungen unterliegt. Er vermutete, dass die biologischen Rhythmen von innen gesteuert werden.
Dass es solche geben muss, stellte bereits vor 1500 Jahren der griechische Arzt Caelius Aurelianus fest, der das vermehrte Auftreten von Asthmaanfällen in der Nacht beschrieb.
Die innere Uhr
Die Schaltzentrale der biologischen Rhythmen ist der suprachiasmatische Kern (SCN) im Hypothalamus. In ihm ist die „Zentraluhr“ des Menschen lokalisiert, mit der er die Zeit im 24-Stunden-Rhythmus misst. Seine Informationen über die Tageszeit erhält dieser innere Taktgeber von lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut.
Zeitabhängige Rhythmen im Organismus werden von exogenen „Zeitgebern“ maßgeblich beeinflusst: Der wichtigste ist das Licht, aber auch soziale Faktoren wie das Klingeln des Weckers, die Mittagspause oder andere regelmäßige Ereignisse zählen dazu. Die „Zentraluhr“ im Gehirn leitet ihre Informationen über Hormone an „untergeordnete Uhren“ weiter.
Man findet diese „Uhrengene“ in allen Körperzellen, unter anderem in denen der Leber, der Nieren und des Herzens sowie in Haut und Schleimhaut. Die untergeordneten Uhren werden aber stets von der Zentrale im Gehirn synchronisiert.
Der 25-Stunden-Tag
Genaugenommen geht die innere Uhr falsch, denn der Mensch ist genetisch auf einen 25-Stunden-Tag programmiert. „Es ist die Aufgabe der Zeitgeber, die inneren Uhren auf den geophysikalischen 24-Stunden-Tag zu synchronisieren.“, schreibt Björn Lemmer in seinem Buch „Chronopharmakologie“.
Hannelore Gießen
Diesen Artikel finden Sie in DAS PTA MAGAZIN 04/2010 auf Seite 76 ff. oder als PDF-Download im Kasten oben rechts.
